Mittwoch, 29. August 2007
Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht
ikairos, 14:53h
Thomas Glavinic: "Die Arbeit der Nacht" (2006) *
Beklemmung zu erzeugen ist ein Geschäft, dem sich Thomas Glavinic in seinen Büchern gerne widmet. In "Der Kameramörder" (2003) ist ihm das gut gelungen, in diesem Roman weniger gut. Die auf 400 Seiten ausgebreitete Geschichte von Jonas, der sich eines Morgens in einem völlig menschenleeren Wien wiederfindet. Er entwickelt in kürzester Zeit paranoide Züge, traut sich nicht mehr ohne Waffe aus seiner Wohnung und sieht hinter jeder Ecke die Gefahr lauern. Überall stellt er Videokameras auf, filmt leere Straßenkreuzungen und auch sich selbst beim Schlafen. Tatsächlich häufen sich unerklärliche Ereignisse, und Jonas verbringt Stunden mit dem Kontrollieren der Aufnahmen.
Gut, die Frage "Was passiert mit dem Ich, wenn es gnadenlos auf sich selbst zurückgeworfen wird?", kann so beantwortet werden. Aber nach Dutzenden Seiten ohne jede Erklärung für das Verschwinden jeden menschlichen Lebens und die Einsamkeit der Hauptfigur löst sich die Spannung auf und wird zur Ödnis.
Beklemmung zu erzeugen ist ein Geschäft, dem sich Thomas Glavinic in seinen Büchern gerne widmet. In "Der Kameramörder" (2003) ist ihm das gut gelungen, in diesem Roman weniger gut. Die auf 400 Seiten ausgebreitete Geschichte von Jonas, der sich eines Morgens in einem völlig menschenleeren Wien wiederfindet. Er entwickelt in kürzester Zeit paranoide Züge, traut sich nicht mehr ohne Waffe aus seiner Wohnung und sieht hinter jeder Ecke die Gefahr lauern. Überall stellt er Videokameras auf, filmt leere Straßenkreuzungen und auch sich selbst beim Schlafen. Tatsächlich häufen sich unerklärliche Ereignisse, und Jonas verbringt Stunden mit dem Kontrollieren der Aufnahmen.
Gut, die Frage "Was passiert mit dem Ich, wenn es gnadenlos auf sich selbst zurückgeworfen wird?", kann so beantwortet werden. Aber nach Dutzenden Seiten ohne jede Erklärung für das Verschwinden jeden menschlichen Lebens und die Einsamkeit der Hauptfigur löst sich die Spannung auf und wird zur Ödnis.
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Donnerstag, 29. März 2007
Rainer Schmitz: Was geschah mit Schillers Schädel?
ikairos, 18:45h
Rainer Schmitz: "Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was Sie über Literatur nicht wissen" *****
Die Literatur besteht aus Werken. Ja. Aber es gibt immer die Menschen, die sie geschrieben haben. Über die steht in herkömmlichen Lexika meist kärglich wenig. Dabei weiß fast jeder, dass Bertolt Brecht ein schlechter Schüler war. Und Thomas Mann auch. Mehr darüber zu finden ist aber schwierig – das heißt: war schwierig. Denn ab September gibt es den Schmitz.
Da schlägt man einfach nach und sieht, welcher Literat ein schlechter Schüler war und welche Geschichten sich darum ranken. Oder wo Schillers Schädel ist, wo die Asche Dantes sich befindet (zwei von sechs Säckchen mit der mutmaßlichen Asche Dantes befinden in Italien, vier sind verschollen), wer außer Cervantes und Marco Polo noch im Gefängnis geschrieben hat, welche Autoren die besten und welche die schlechtesten Verträge hatten, wer die produktivsten und wer die faulsten Literaten waren, wer alles von der Syphilis heimgesucht wurde, wer welche Testamente hinterließ und wer alles an Zyankali starb. Eine unerschöpfliche Fundgrube von Homer bis zum Dan-Brown-Plagiatsprozess.
Die Literatur besteht aus Werken. Ja. Aber es gibt immer die Menschen, die sie geschrieben haben. Über die steht in herkömmlichen Lexika meist kärglich wenig. Dabei weiß fast jeder, dass Bertolt Brecht ein schlechter Schüler war. Und Thomas Mann auch. Mehr darüber zu finden ist aber schwierig – das heißt: war schwierig. Denn ab September gibt es den Schmitz.
Da schlägt man einfach nach und sieht, welcher Literat ein schlechter Schüler war und welche Geschichten sich darum ranken. Oder wo Schillers Schädel ist, wo die Asche Dantes sich befindet (zwei von sechs Säckchen mit der mutmaßlichen Asche Dantes befinden in Italien, vier sind verschollen), wer außer Cervantes und Marco Polo noch im Gefängnis geschrieben hat, welche Autoren die besten und welche die schlechtesten Verträge hatten, wer die produktivsten und wer die faulsten Literaten waren, wer alles von der Syphilis heimgesucht wurde, wer welche Testamente hinterließ und wer alles an Zyankali starb. Eine unerschöpfliche Fundgrube von Homer bis zum Dan-Brown-Plagiatsprozess.
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Mittwoch, 28. März 2007
Tom Wolfe: Ich bin Charlotte Simmons
ikairos, 12:26h
Tom Wolfe: Ich bin Charlotte Simmons (2005) ****
Charlotte Simmons ist blitzgescheit und ehrgeizig. Gleichzeitig ist sie aber arme Stipendiatin und kommt aus der tiefsten amerikanischen Provinz. Auf der fiktiven Eliteuniversität Dupont beginnt sie erst mal hochmotiviert zu studieren - wird aber bald von der Unmoral ihrer Studienkollegen aus der Bahn geworfen. In Kürze hat Charlotte ihre beschauliche Biedermeier-Welt mit einem abgründigem Sodom getauscht und findet sich zwischen Alkohol, Sex, Designerklamotten und Partys wieder. Und gerät zunehmend unter Druck, den "Makel" ihrer Jungfräulichkeit abzulegen...
Der 76-jährige Tom Wolfe stellt in seinem ausgezeichnet recherchierten Roman die amerikanische Jugendkultur - und nicht nur die - bloß: die vulgäre Sprache, den Waschbrettbauch-Kult, die zur Schau getragene Coolness, die schamlose Protektion stumpfsinniger Sportheroen. Charlotte gerät in die Zwickmühle kontrastierender Wertsysteme - denn ihre Familie erwartet (wie bisher) von ihr Fleiß, Leistung, Keuschheit, gutes Benehmen. Ihr Bekenntnis zu ihrer Unverwechselbarkeit ("Ich bin Charlotte Simmons") gerät ins Wanken, sie selbst in einer schwere Krise.
En passant erfährt die Leserin Interessantes über amerikanische Elite-Colleges, über Gehirnforschung, Rassen-Soziotope und Basketball. Die 800 Seiten lesen sich leicht, Wolfe schreibt geistreich und unterhaltsam. Man bekommt richtig Lust, auch seinen viel gelobten Debütroman "Fegefeuer der Eitelkeiten" zu lesen. (gelesen 02/03 2007)
Charlotte Simmons ist blitzgescheit und ehrgeizig. Gleichzeitig ist sie aber arme Stipendiatin und kommt aus der tiefsten amerikanischen Provinz. Auf der fiktiven Eliteuniversität Dupont beginnt sie erst mal hochmotiviert zu studieren - wird aber bald von der Unmoral ihrer Studienkollegen aus der Bahn geworfen. In Kürze hat Charlotte ihre beschauliche Biedermeier-Welt mit einem abgründigem Sodom getauscht und findet sich zwischen Alkohol, Sex, Designerklamotten und Partys wieder. Und gerät zunehmend unter Druck, den "Makel" ihrer Jungfräulichkeit abzulegen...
Der 76-jährige Tom Wolfe stellt in seinem ausgezeichnet recherchierten Roman die amerikanische Jugendkultur - und nicht nur die - bloß: die vulgäre Sprache, den Waschbrettbauch-Kult, die zur Schau getragene Coolness, die schamlose Protektion stumpfsinniger Sportheroen. Charlotte gerät in die Zwickmühle kontrastierender Wertsysteme - denn ihre Familie erwartet (wie bisher) von ihr Fleiß, Leistung, Keuschheit, gutes Benehmen. Ihr Bekenntnis zu ihrer Unverwechselbarkeit ("Ich bin Charlotte Simmons") gerät ins Wanken, sie selbst in einer schwere Krise.
En passant erfährt die Leserin Interessantes über amerikanische Elite-Colleges, über Gehirnforschung, Rassen-Soziotope und Basketball. Die 800 Seiten lesen sich leicht, Wolfe schreibt geistreich und unterhaltsam. Man bekommt richtig Lust, auch seinen viel gelobten Debütroman "Fegefeuer der Eitelkeiten" zu lesen. (gelesen 02/03 2007)
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