Dienstag, 22. April 2008
"herz:rasen - die Fußballausstellung". Künstlerhaus.
"herz:rasen - die Fußballausstellung". Künstlerhaus, 4.4. bis 6.7.2008 ***

Die „Euro 2008“ wirft ihre Schatten voraus – und das nimmt nicht Wunder, denn aus österreichischer Sicht kommt das Licht von hinten: Von Strahlemännern wie Sindelar, Happel, Ozwirk, Prohaska, Krankl, Pezzey… und ihren längst vergangenen Glanztaten. Viele Devotionalien wie Trikots, Stoppelschuhe, Stücke „heiligen Rasens“, aber auch verrückte Fanartikel und Siegeskelche und –schalen aller Art stehen da in den Vitrinen, und das nicht nur von österreichischen Größen.
Schmankerl wie Trainings-Skizzen von Otto Baric (wirr) und Ernst Happel (penibel) sorgen für Aha-Erlebnisse, Parallelsetzungen von Fußballdramatik und Szenen aus Italowestern und „Ben Hur“-Pathos amüsieren; aber am interessantesten sind die interaktiven Ausstellungsteile wie Teststationen zur eigenen Leistungsfähigkeit, das Erlernen von richtigem Fallen bis hin zur perfekten "Schwalbe" oder die Möglichkeit, mit Wendigkeit und Einsatz die schmachvolle 0:1-Niederlage der österreichischen Nationalelf gegen Färöer im Jahr 1990 in einen fulminanten Sieg umzuwandeln. Gerade in diesem Mitmach-Bereich wäre allerdings noch einiges möglich – und wünschenswert – gewesen, und das ganz ohne technisches Schnickschnack. Torwandschießen z.B., oder Wuzeln oder Tipp-Kick oder Gaberlwettbewerbe…

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Montag, 31. März 2008
"Albin Egger-Lienz. 1868-1926", Leopold Museum Wien
"Albin Egger-Lienz. 1868-1926", Leopold Museum Wien ****

Zu Albin Egger-Lienz hatte ich immer Nazi-Assoziationen, weil die heimatverbundenen "Schollen"-Themen des Osttiroler Malers der Blut- und Boden-Ideologie der braunen Jungs sehr entgegenkamen. Zugleich faszinierten mich die wuchtigen, holzschnittartigen Arbeiten Eggers, die auch den Vergleich mit Schiele nicht scheuen müssen. Der natürlich ungleich großstädtischer war, während Egger sich in Wien und später in Weimar nicht wirklich wohl fühlte und sich mit seiner Familie am liebsten in seine Tiroler Bergtäler zurückzog und dort nach kantigen Charakterköpfen Ausschau hielt, die er dann in seinen Werken als Prototypen für menschliche Gefühlszustände abbildete.

Bäuerliches Leben, Berglandschaften, Religion, aber auch Krieg waren seine Themen. Und die Darstellungen der sich im Tod verrenkenden Soldaten im Schützengraben spielten den Nazis und ihrer Kriegsverherrlichung wirklich nicht in die Hände.

180 Werke des bedeutenden österreichischen Expressionisten sind derzeit im Wiener "Leopold-Museum" zu sehen. Es ist die bisher größte Werkschau des Osttiroler Malers, zu dem das "Leopold-Museum" 30 Gemälde und Grafiken aus seinem eigenen Sammlungsbestand beitrug. Anlass für die Ausstellung ist die 140. Wiederkehr des Geburtstages des Künstlers, der am 29. Jänner 1868 in Dölsach bei Lienz zur Welt kam. Seine Berufung zum Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien wurde 1910 übrigens vom Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand verhindert, der in Eggers berühmtestem Bild "Der Totentanz" sozialdemokratische Tendenzen zu erkennen meinte.

Und auch die Kirche hatte mit Egger ihre Probleme: 1923 bis 1925 - kurz vor seinem Tod - beschäftigte ihn die Ausgestaltung der von Clemens Holzmeister entworfenen Kriegergedächtniskapelle in Lienz. Eggers dafür geschaffenes Gemälde "Christi Auferstehung" führte zu Protesten; ein Gottesdienstverbot für die Kapelle war die Folge, das erst in den 1960er Jahren aufgehoben wurde.

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Freitag, 22. Februar 2008
Lucien Clergue, "Der Dichter mit der Kamera"
Lucien Clergue, "Der Dichter mit der Kamera", Fotographien, Kunst Haus Wien ***1/2

Ein auf Plakatgröße vergrößertes der mehr als 200 Fotos von Lucien Clergue, die bis vor kurzem im Kunst Haus Wien zu sehen waren, hatte mich in die dortige Ausstellung gelockt: Ein vor einer Lamellenjalousie liegender Frauentorso, auf dem sich wie auf einem Zebra Schatten ihre Lnien ziehen. Faszinierend, und sehr sexy.

Und auch andere Akte des 1934 in Arles geborenen Fotografen und Picasso-Freundes lohnten einen Besuch. Frauenkörper am Strand, hintereinander liegend und wie eine Hügellandschaft wirkend. Oder Wasser, das sich in der Schamregion kräuselt.

Noch stärker beeindruckend die Serie mit fast abstrakten Schwarzweiß-Motiven aus der Camargue: Gräser im Wasser, Spiegelungen, Schatten von Pflanzen...

Und Stierkampfbilder, mit archaischer Wucht und manieristischen Posen dieses Machismo-Ritual Spaniens eingefangen in Bilder voll Staub und Stolz.

Jean Cocteau bezeichnete Clergue als den "Dichter mit einer Kamera". Und er hat Recht. Der Südfranzose verzichtete von seinen Anfängen an auf Popularität, Star-Status und Geld, um seine künstlerische Unabhängigkeit und Individualität bewahren zu können. Im Oktober 2007 wurde Clergue als erster Fotograf Mitglied in der französischen Academie des Beaux-Arts, sein fotografisches Werk ist in allen bedeutenden Museen der Welt ausgestellt und in zahlreichen internationalen Publikationen veröffentlicht.

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Mittwoch, 31. Oktober 2007
"Unbekannte Europäer", Österreichisches Museum für Volkskunde
"Unbekannte Europäer", Österreichisches Museum für Volkskunde ***

Ausstellungseröffnungen wie diese gehören zu den angenehmen Seiten meines Jobs: Die Schau über zwölf Minderheiten in Europa des Fotografen Kurt Kaindl, angereichert mit Texten von Karl-Markus Gauß gehört zwar nicht zum ureigenen Terrain des "Kathpress"-Kulturressorts, stellt aber gerade deswegen einen angenehmen sidestep von Redaktionsalltag dar.

Die "unbekannten Europäer" führen anhand von eindrucksvollen Fotos kleinste Volksgruppen Europas vor Augen, die üblicherweise abseits der öffentlichen Wahrnehmung liegen. Wer hat z.B. schon je was von Aromunen, Assyrern, Roma, Gottscheern, Schwarzmeerdeutsche, Sepharden, Sorben oder Zimbern gehört? Auch wenn die Ausstellung - auch wegen der sehr nüchternen Räumlichkeiten im Gartenpalais Schönborn (Laudongasse 15-19, 1080 Wien) allzu karg geriet, veranschaulicht sie doch deutlich die enorme Vielfalt des alten Kontinents, in dem wir zuhause sind.

Für mich spannend war auch die Tatsache, dass ich mit Zipsern, Schwarzmeerdeutschen und Roma im Rahmen meiner Reisen aus jüngster Zeit direkt in Berührung kam. Müsste ich mich geographisch zuordnen, würde ich wohl am ehesten sagen: Ich bin ein Europäer.

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Dienstag, 23. Oktober 2007
"Baby an Bord", Wien Museum
"Baby an Bord. Mit dem Kinderwagen durch das 20. Jahrhundert", Wien Museum, 18.10.07-13.1.08 ****

Eine Sonderausstellung, bei der ich automatisch an Freundin Kathi denken musste, die ja eine Volkskunde-Diplomarbeit zu genau diesem Thema schrieb. Und eine, bei der unweigerlich eigene Erinnerungen kommen: an vergilbte Schwarzweiß-Fotos aus dem Kinderalbum und an das eigene Handling von Buggy und Tragtuch als Jungvater.

"Baby an Bord. Mit dem Kinderwagen durch das 20. Jahrhundert": Unter diesem Titel verknüpft das "Wien Museum Karlsplatz" erstmals den Gebrauchsartikel Kinderwagen mit der Wiener Stadt- und darüber hinausgehender Sozialgeschichte. Direktor Wolfgang Kos sagte bei dem Journalistengespräch (ich war beruflich dort): Mit der Schau ließen sich viele Geschichten erzählen - Geschichten vom Bedürfnis nach Mobilität und sich ändernden Geschlechterrollen, von technischen Neuerungen und modischem Design, von Wohlstand und Armut, vom Wandel der städtischen Infrastruktur und dem Siegeszug der Konsumkultur. Originelle Ergänzung der zahlreichen Exponate ist ein Film von Robert Schabus, der mit einer Kamera aus dem Kinderwagen heraus gedreht wurde. Eine kleine, aber feine Ausstellung.

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"Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner"
"Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner", Albertina, 13.9.07-6.4.08 ***

"Kunst nach 1970. Aus der Albertina", 12.10.07–16.3.2008" **

Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu: Anfang Mai 2007 wurde die 500 Werke umfassende Sammlung von Rita und Herbert Batliner als unbefristete Dauerleihgabe der Albertina übergeben, erstmals gezeigt wird sie ebenda seit 13. September unter dem Titel „Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner": Zu sehen sind Werke von Monet, Renoir, Cézanne, Chagall, Picasso, Modigliani, Matisse, Kandinsky, Sam Francis, Mark Rothko, Roy Lichtenstein oder Francis Bacon. Dass es sich, wie von der Albertina behauptet, dabei um "Hauptwerke" handelt, stimmt zwar nicht, aber die Sammlung gehört wohl dennoch zu den wichtigsten privaten in Europa.

Manches scheint nur angeschafft worden zu sein, um einem großen Namen Genüge zu tun (wie die drittrangigen Werke Cezannes oder sogar Noldes, den ich sonst ja so liebe). Dennoch gibt es etliche Bilder, vor denen ich lange stehenblieb: Picassos "Nackte Frau mit Vogel und Flötenspieler" z.B., Jawlenskys "Mädchen mit Blumenhut" oder - noch älter - eines von Monets Seerosenbildern.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Malerei des französischen Impressionismus mit Werken von Monet, Renoir und Degas. Einen Schwerpunkt bildet auch die Kunst des deutschen Expressionismus mit den beiden Künstlergruppen „Die Brücke" und „Der Blaue Reiter". Gezeigt werden aber auch herausragende Beispiele der Kunst des Surrealismus, mit Werken von Joan Miró, Max Ernst und René Magritte.

Es ging mir im Sommer so, als ich vom obersten Stock des Pariser Centre Pompidou in den nächsttieferen wechselte, und es geht mir immer so: Je näher ich von der klassischen Moderne in die Gegenwartskunst rücke, desto ratloser werde ich. Nach der Batliner-Sammlung sah ich mir auch noch "Kunst nach 1970. Aus der Albertina. 12.10.2007–16.3.2008" an, mit 150 Beispielen zeitgenössischer Malerei, Graphik und Holzschnitte. Die schräge, inzwischen greise Kärtnerin Maria Lassnig ist mit vielen Arbeiten vertreten, und ich schätze ihren Witz und ihre Originalität: Aber bei einem Werk, einem Thema wie "Kartoffelpresse" (1989) bleibt halt vor allem die Frage, was das soll. Und ich hab dann halt oft den Eindruck, dass bi moderner Kunst die Interpretation kreativer als das Werk ist...

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