Donnerstag, 1. November 2007
Adventmails 2004
ikairos, 00:31h
LiebeR FreundIn!
„Und – hast du für heuer schon eine Idee?“
Fragen wie diese zeigen mir, dass meine in den letzten beiden Jahren per Mail verbreiteten „virtuellen Adventkalender“ nicht nur für mich zu einer lieb gewonnenen Tradition geworden sind. Du erinnerst dich: Im Dezember 2002 versandte ich jeden Tag einen bemerkenswerten Bucheinstieg; im Vorjahr ging es mir um gute „letzte Sätze“ – also darum, mit welchen Worten AutorInnen ihre Bücher beenden. Mir hat es Spaß gemacht, allmorgendlich einen Adventgruß an mir liebe Menschen zu richten, und fast alle AdressatInnen haben es genossen, jeden Tag was Lustiges/Nachdenkliches/Originelles in ihrer Mailbox vorzufinden.
Das soll auch heuer wieder so sein.
Doch ich brauch diesmal deine Hilfe.
Ich stelle mir vor, „geglückte Momente“ zu sammeln. Und zwar „leichte“, nicht schicksalsschwere, von tiefsten Gefühlen triefende Begebenheiten – nein, „sparkling short stories“ sollen es sein. Augenblicke, die das Leben lebenswert machen. Kleine, nachvollziehbare Erfahrungen und Eindrücke, die auf das Besondere statt auf das Allgemeine abzielen, die konkret und anschaulich zu schildern sind.
Und genau darum bitte ich dich: Dir einen solchen geglückten Moment zu vergegenwärtigen, auf einer Länge von 5 bis 15 Zeilen niederzuschreiben und bis zum ersten Adventsonntag, dem 28. November, an mich zu mailen.
Am Ende des Kurztextes sollte dein Name stehen, dein Alter und dein Beruf – damit man/frau sich vorstellen kann, WER da was erlebt hat. Es macht ja einen Unterschied, wann und wie ein 8jähriger Schüler glücklich ist, und wie das bei einer 72jährigen Pensionistin aussieht. Ich reihe die Texte dann und schicke 24 Mails mit einem (oder auch zwei, denn aussortiert wird niemand) Glücksmoment/en an genau jene Leute, die diesen meinen Brief erhalten. Die meisten werden einander fremd sein, manche werden sich (er)kennen. Wie auch immer, es wird mit einem Lächeln zu lesen sein. Denke ich.
Es mag mit Mühe und Nachdenkarbeit verbunden sein, schwer in Worte zu Fassendes dennoch zu versprachlichen. Bitte nimm diese Anstrengung auf dich. Der Lohn wird eine Perlenkette voller aufbauender Erfahrungen sein, die gerade in der lichtarmen Zeit des Jahres gut tut…
Eine schöne Zeit bis zum Adventbeginn wünscht dir
Robert
PS: Wer die „Adventkalender“ der beiden letzten Jahr nicht bekommen hat und sie gern möchte, kriegt sie von mir als Einzeldatei.
PSPS: Wer seinen Namen lieber nicht preisgeben möchte, weil das bei einem Glücksmoment wie der gelungenen Flucht nach einem Banküberfall oder einem sexuellen Höhenflug peinlich wäre, kann ein Pseudonym wählen; ich schweige über die wahre Identität wie ein Grab. Versprochen.
Liebe FreundInnen,
das ist das erste in einer Reihe von 24 Mails für meinen dritten elektronischen Adventkalender. Bisher haben 18 Leute auf meine Bitte reagiert, als Beitrag dafür Glücksmomente schriftlich festzuhalten. Und manche haben noch Bereitschaft signalisiert, sich der Mühe des Formulierens zu unterziehen. Vielleicht fühlen sie sich ja motiviert durch die täglichen Zusendungen, dafür zu sorgen, dass die Serie nicht vor dem Heiligen Abend abreißt und ich improvisieren muss… Für die nächsten zweieinhalb Wochen hab ich jedenfalls viel schönen Lesestoff. DANKE allen dafür.
Und hier das erste Adventmail (übrigens das erste von allen, das ich bekommen hab), alle weiteren unkommentiert:
1. Dezember
Es gibt Glücksmomente in meinem Leben, die lassen sich zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter wiederholen, und das geht so:
Ich komme vom Michaelerplatz, durchquere den Inneren Burghof und trete auf den Heldenplatz hinaus. Nach einigen Schritten bleibe ich stehen und schaue mich um, und Begeisterung erfüllt mich angesichts der Fülle an Schönheit. Ich sehe - im Sonnenglanz oder von Regenwolken verhangen - die Hofburg, die beiden Museen, das Parlament, das Rathaus, das Burgtheater, die Minoritenkirche, dazu noch die Reiterstandbilder, blühende oder auch schneebedeckte Sträucher, alte Bäume, Rasenflächen, Menschen.
Andere Leute mögen darüber lächeln, aber bei mir stellt sich da jedes Mal wieder dieses Glücksgefühl ein: Hier, wo ich zur Welt gekommen bin, hier darf ich leben, hier in Wien!
Christa, 72, Pensionistin (Übersetzerin)
2. Dezember
Ich liege in meinem Zimmer und lese, als mein 12-jähriger jüngster Sohn mit seiner Decke zu mir kommt und sich neben mich legt, um zu plaudern und zu kuscheln.
Plötzlich setzt er sich auf und sieht mich mit einem eigenartigen Ausdruck im Gesicht an. Auf meine Frage, warum er mich so ansieht, wird er verlegen.
Dann sagt er: "Du schaust schon so alt aus."
Und plötzlich ist er ganz gerührt und birgt seinen Kopf in meiner Armbeuge. Ich sage zu ihm: " Na ja, mit 45 ist man auch nicht mehr jung. Machst du dir schon Sorgen?"
Darauf er: "Nein, jetzt noch nicht."
Anschließend haben wir darüber gesprochen, was nach dem Sterben wohl kommt.
Gaby, 45, Psychotherapeutin
3. Dezember
So ist das bei uns…
Eines schönen Sommerabends sitze ich im ältesten Cafe der Welt, im Cafe Nofara - gleich neben der prächtigen Ommayaden-Moschee in der historischen Altstadt in Damaskus. Ich trinke vorzüglichen arabischen Kaffee mit - sicher frisch gemahlenem - Kardamom. Glück.
Hier gibt es auch noch jede Woche den alten Geschichtenerzähler.
Neben mir zwei junge Syrer. Ich komme mit ihnen ins Gespräch. Sie stellen sich vor: Einer ist Zahnarzt, der andere ... vergessen. Dann sagen sie - stolz: "Wir haben aber nicht die gleiche Religion!" Sie ahnen, dass mich das überrascht. Einer ist Moslem, der andere Christ. Sie sind schon lange Freunde, die Religion ist kein Hindernis dafür: "So ist das bei uns ..."
Ich ändere meine "Voreinstellungen", denke noch an all das, was sich einige hundert Kilometer von hier - im Irak - abspielt. Ich unterhalte mich gut mit ihnen, trinke den letzten Schluck Kaffee sehr nachdenklich und verabschiede mich.
Ich habe in Damaskus nicht nur Arabisch gelernt.
Rudi, so um die 50, Computer-Layouter
4. Dezember
Der Hohe Riffler
Für mich als Tirolerin haben Berge naturgemäß eine besondere
Bedeutung. Der prägendste Berg war und ist für mich der Hohe Riffler.
Der höchste Berg der Verwallgruppe zwischen Stanzertal und Paznauntal
hat mich während meiner ganzen Kindheit und Jugend begleitet. Von
dem Schreibtisch in meinem Zimmer im Elternhaus sah ich direkt auf den
Riffler mit seinem weißen Gletscher.
Und auch in unserer jetzigen Wohnung haben wir ein Fenster extra so
geplant, dass wir gerade noch einen Blick auf den Riffler erhaschen.
Trotzdem hat es 33 Jahre gedauert, bis ich es geschafft habe, diesen
Berg zu besteigen.
Ein paar Jahre vorher hatten wir schon den halben Weg zurückgelegt und
mussten dann aber im dichten Schneetreiben umkehren. Ende August 2001
war es dann aber so weit: Mit einer Gruppe von Arbeitskolleginnen und
-kollegen wanderten wir zunächst auf die Edmund Graf Hütte. Nach einem
gemütlichen Hüttenabend stiegen wir am nächsten Tag bei wunderschönem Wetter auf den Gipfel. Das Panorama war überwältigend, die Sicht klar bis weit über Landeck
hinaus.
Jedes Mal, wenn ich jetzt zum Riffler hinaufschaue, freue ich mich
darüber, dass auch ich einmal dort oben war.
Isolde, 36 Jahre, Biologin
5. Dezember
Es war einer dieser Tage, an denen ich aus mir selbst heraus zufrieden und voller Lebensfreude war, ohne dass ich einen konkreten Grund dafür hätte nennen können. Schon auf der Treppe zum Bahnsteig hinauf half ich einer jungen Frau den Kinderwagen hochzutragen. Die U-Bahn war schon eingefahren und damit Sie in den niederen Einstieg des mittleren Waggons noch einsteigen konnte, lief bis zur Mitte des Zuges vor um ihr die Türe aufzuhalten... und bin auch selbst dort eingestiegen. Zum Glück! Da stand ich nun, ein wenig außer Atem, und ließ meinen Blick über die anderen Fahrgäste schweifen.
Meine Augen blieben an einem Mann hängen, der in einem Buch las. Braungebrannt, dunkle Haare, grau melierter Drei-Tage-Bart, heller Sommeranzug.... Er gefiel mir und ich ließ meinen Blick auf ihm ruhen. Die Energie meiner unbewussten Aufmerksamkeit hat ihn wohl berührt, er sah hoch und fing meinen Blick auf. Ich lächelte ein wenig verlegen - fühlte mich ertappt. Er aber erwiderte mein Lächeln gleich, ermunterte mich mit seinem Blick und nickte mir zu. Wir lächelten uns ungewöhnlich lange an. So lange ich es eben konnte, dann musste ich verlegen wieder wegsehen, wieder hinsehen... - bis er ein kleines Büchlein aus der Jackentasche zog und anfing etwas aufzuschreiben. Ich war mir ganz sicher: "Der schreibt mir jetzt seine Telefon-Nummer auf! Endlich ein Mann, der in einer einmaligen Situation ‚richtig’ reagiert!", dachte ich.
Kurz bevor er aussteigen musste, stand er auf, kam auf mich zu und sagte mit angenehm tiefer Stimme: "Sie haben ein wunderschönes Lächeln. Trauen Sie sich!" Dann gab er mir den Zettel, lächelte mich noch mal mit leuchtenden Augen an, und stieg aus. Er hatte mir seinen Namen und seine Telefon-Nummer aufgeschrieben!
Nun - ich habe mich getraut (!), und wir sind seit eineinhalb Jahren ein Paar…
Damaris, 41, Sozialarbeiterin
6. Dezember
Ich war an dem Tag noch Drittklässler. Wir (also die Drittklässler) gingen mit der vierten Klasse turnen. Wir spielten Völkerball. Unsere Mannschaften waren gemischt. Unsere Spieler wurden der Reihe nach abgeschossen. Als unser Freigeist besiegt war, war nur noch ich am Feld. Ich hatte 3mal Ausweicherfolg. Beim dritten Mal schoss der Freigeist den Ball auf mich zu. Der Ball rollte über das Feld bis zu unserem Freigeist. Der Reihe nach schossen wir uns frei. Dann kam der Freigeist der anderen ins Spielfeld. Der verlor nacheinander seine ganzen Leben. Wir hatten noch gewonnen!
Fabian, Schulkind, 8,3 Jahre
7. Dezember
„Feel the sunshine on your face...“ Immer wenn diese Passage aus dem Walkman ertönt ist, ist es mir kalt über den Rücken gelaufen, auch wenn es 30 Grad plus hatte. Jetzt liebe ich diese Musik schon so lange, habe Schwärmereien und Bilder-Ausschneiden des hübschen Sängers hinter mir; der Wandel vom luftig leichten Getüdel hin zum erwachsenen Tiefgrund fiel zeitlich ziemlich mit meiner persönlichen Entwicklung und Wandlung zusammen. Aber noch nie hat mich ein Lied so bewegt wie jenes, das im Frühling 2003 als erster Song auf dem Album "Think Tank"* veröffentlicht wurde. Wenn es das einzige Lied gibt, das Lied schlechthin, dann ist das Lied meines!
Die Stimmung, das Licht, die Aura am 9. November 2003 im Wiener Gasometer, als "feel the sunshine on your face, it's in a computer now, gone at the future way out in space. And you've been so busy lately that you haven't found the time, to open up your mind. And watch the world spinning gently out of time..." erklungen ist, hat für größeren Schauder gesorgt, als die Hand, die ich dort für Sekunden ergattern konnte – aber das wäre eine eigene Geschichte...
Martina, Soziologin, 27
*Der Song der britischen Rockgruppe Blur heißt „Out Of Time“; Text siehe http://www.lyricsfreak.com/b/blur/21090.html
8. Dezember
Für mich ist das Leben durch meine kleinen beiden Söhne und die Arbeit an einem Buch sehr intensiv, aber trotzdem gibt es unbeschreibliche - im wahrsten Sinne des Wortes - Momente, die mich innehalten lassen und mein Glück genießen lassen. So ein Moment war, als sich meine Söhne (bald 5 und 16 Monate) vor kurzem innig auf unserer Treppen küssten.
Ulrike, 44, Sprachwissenschaftlerin
9. Dezember
ich komme von einem seminar im waldviertel nach hause ... hungrig.
im wohnprojekteigenen beisl nach studium der speisekarte hab' ich gebratene eierschwammerln auf blattsalat bestellt.
nach einer weile kam das essen. ich sah viel blattsalat.
ich: wo sind die eierschwammerl???
beislwirt: öh...
ich: jetzt bin ich aber enttäuscht, ich hab mir so viele gebratene eierschwammerl erwartet, und jetzt hab ich so viel salat.
beislwirt: verschwindet.
ich beginne zu essen, stochere die schwammerln aus dem salat, bemühe mich zu genießen.
......
nach kurzer zeit steht ein kleiner teller mit einer extraportion duftender schwammerln neben mir.
ich (ganz gerührt): danke
beislwirt: soll aber nicht zur gewohnheit werden!
dankbar genieße ich nun wirklich.
beatrix, 46, shiatsu praktikerin und selbstheilungsberaterin
10. Dezember
Ich bin letzten Freitag müde im Auto von der Arbeit nach Hause wieder viel zu langsam weitergekommen – und schon dunkel, und November, und leichtes Nieseln und viel zu kalt und viel zu viele Menschen – genug, um grantig zu sein... Vor, hinter, neben mir Autos.
Neben mir ein rotes, im Vorbeifahren seh ich ein Kind, vermutlich ein Mädchen hinten sitzen, gelangweilt. Ein erster Blick, sie schaut auch. Dann geht’s bei mir wieder weiter, also neue Nachbarn. Kurz darauf zieht das rote Auto wieder auf gleiche Höhe, wieder ein Blick, ein Erkennen. Und so ging’s weiter, beim zweiten Mal schon mit einem Lächeln, und dann hatten wir beide Spaß am einander Wiedersehen, Verlieren und wieder Finden. Als sie dann endgültig links abbog, blieb das Lächeln in mir.
Marion, 46, Psychologin
11. Dezember
Bis heute habe ich jene SMS nicht gelöscht, die mir meine 19jährige Tochter am 4. Februar von Wien nach Kaprun geschickt hat, wo ich mit Freunden Schi fahren war.
Ich hatte seit allzu jugendlichen Tagen nicht über-, aber regelmäßig geraucht – abgesehen von den paar Jahren zwischen Schwangerschaft und Kindergartenalter meiner beiden Prachtstücke. So sehr ich den blauen Dunst auch von ihnen fernzuhalten trachtete (Rauchen unter der Dunstabzugshaube, auf der Terrasse, am Gang …), so vehement, vorwurfsvoll und angewidert waren ihre Missfallensäußerungen, derer sie nicht müde zu werden schienen. Ich quittierte diese meist mit der lakonischen Bemerkung, dass ich das Rauchen sicher eines Tages aufgeben würde.
Wie sehr meine Glaubwürdigkeit in dieser Hinsicht nach all den Jahren gelitten hatte, zeigte sich, als sie mir nach dem 4. November des Vorjahres, meinem ersten „Nichtraucher-Tag“, immer und immer wieder ihre Bewunderung über meine Stärke aussprachen. Das trübte meine Freude über ihre Anerkennung doch ein wenig und ich spielte die Entrüstete. Hatten sie mir das etwa nicht zugetraut? Also wirklich!
Der 4. Februar war – wie die übrigen Tage der Semesterferienwoche - sonnig und außergewöhnlich warm – selbst in der luftigen Höhe des Kitzsteinhorns. Nur die sternklare Nacht war kalt, als während eines Abendspazierganges mein Handy tönend diese SMS empfing: „Hallo Mutti! Alles Gute zum 3monatigen Nichtrauchen! Dickes Stolzseinbussi! Lena“
Nichts konnte die sonnige Wärme trüben, die in mir aufstieg und der nächtlichen Kälte trotzte.
Christine, 48, AHS-Lehrerin
12. Dezember
ich sitze in einem raum mit ca. 30 anderen leuten. den kopf auf die hände gestützt warte ich jetzt schon fast eine stunde dass mein name aufgerufen wird. ich muss an die schule denken. an der wand ein foto von thomas klestil, der vor ca. zwei monaten gestorben ist. bezeichnend für diese institution dass es noch immer hängt.
es ist mittlerweile schon 11 am vormittag, und ich bin seit 6 Uhr hier in klagenfurt. am vortag noch extra angereist, um nicht zu spät zu kommen. vier der letzten 5 stunden verbrachte ich mit warten. gespräche mit den ärzten. und immer wieder warten. zwei alte kickerkollegen sind auch da. hätte nicht gedacht, dass die dasselbe problem wie ich haben. wir sprechen nur kurz miteinander, denn die stimmung ist gedrückt, und jeder von uns macht ein gesicht, als müsste er in den nächsten minuten sterben. man könnte glauben, man ist auf einer intensivstation. einer meiner kumpels hat schwere herzrhythmusstörungen, beim anderen sind kreuz und knie kaputt und er hat alle allergien, die bis heute bekannt sind.
dann meint eine ärztin, ich muss in einem jahr wiederkommen. ich war fertig: "aber warum? ich war doch schon zweimal hier". – „Ja, aber der psychologe sagt, sie müssen wiederkommen.“ Ich entgegne, dass ich heute noch mit keinem psychologen gesprochen habe. sie kontrolliert ihre unterlagen und meint, da ist ein fehler passiert, sie hat irrtümlich die unterlagen vom letzten besuch verwendet. ich werde sofort zum psychologen geschickt. was wäre passiert, wenn ich nichts gesagt hätte?
"T. in zimmer 8 bitte". anspannung pur. ich spüre meinen herzschlag im hals. ich betrete den raum und ein mann um die 50 stellt mir einige kurze fragen. wie ich heiße, wann ich geboren bin usw... "aufgrund ihrer schwer wiegenden und seit mehreren jahren andauernden panikstörungen und phobien werden sie für den wehrdienst für untauglich erklärt..."
dann habe ich den bescheid in händen. endlich. ich fühle mich besser als bei meiner sponsion und nehme die urkunde wie einen pokal entgegen, verlasse das gebäude auf schnellstem weg, und schreie mir auf dem parkplatz meine freude aus dem leib. meine zwei kumpels haben es auch geschafft, und wir gehen noch einen trinken. das war einer der besten tage seit langem...
Tom, 29, Manager
13. Dezember
Ich hatte ein tolles Erlebnis, als ich diesen Sommer beim 'Two Days A Week'-Festival in Wiesen war. Spätabends, es spielten gerade die 'Kings of Leon' - eine großartige amerikanische Rockband - und ich war ziemlich weit vorne in der Menge. Die Stimmung war atemberaubend, und ich selbst gebadet in Schweiß und gefüllt mit Bier.
Das einzig nervige war, das man ständig aufpassen musste, nicht plötzlich einen Schuh im Gesicht zu haben. Denn überall wanderten 'Crowdsurfer' durch die Menge, also Leute, die sich auf den Armen der anderen nach vorne tragen ließen (oder wieder fallengelassen wurden). Doch ich kann ihnen nachträglich nicht böse sein - denn auch ich durfte ihre Erfahrungen teilen. Ich hörte ihn nur jemanden sagen: "Willst du auch mal?", und im selben Moment wurde ich gepackt und in die Lüfte gehoben. Obwohl nachher noch Franz Ferdinand, die beste Band auf dem Festival, spielten, waren diese 10 Sekunden, in denen ich über den Köpfen schwebte und von zig Armen bis hinter die vordere Absperrung zu den Securities gereicht wurde, die denkwürdigsten des Abends. Und ein Ereignis, das mich in der kalten Weihnachtszeit an das unbeschwerte Glück des Sommers zurückerinnert.
Gregor, 17, Schüler
14. Dezember
Glück, weiblich, 36: Zeit, Sonne, Ruhe
Wer hätte mit 20 gedacht, dass das Leben so sein wird:
Glück heißt schon, wenn der Sonntag mal frei ist, Zeit für einen Spaziergang, an einem kalten, sonnigen Nachmittag durch Schönbrunn hinauf zur Gloriette, und Kaffee mit einer Freundin.
Oder Leute nach Haus einladen, sie fühlen sich wohl und es schmeckt (wollte man nicht mal die Welt verändern?)
Oder durch die Stadt flanieren, ein Buchgeschäft, eine Boutique, was Schönes finden.
Am Morgen die Kinder im Bett und Zeit zum Spielen und Kuscheln.
Der Tag, nachdem die Arbeit glückte.
Einfach in der Kirche sitzen.
Der Mann guter Dinge.
Nora, 36, Journalistin
15. Dezember
„Eine Bettumrandung, Norbert“, antwortete meine Mutter endlich, nachdem ich sie wochenlang durch den Advent hindurch mit der Frage gequält hatte, was ich denn als größtes Weihnachtsgeschenk bekommen würde.
Was das genau war, verstand ich nicht, auch wenn sie es mir mehrmals zu erklären versuchte. Irgendwie klang es sehr teuer, jedenfalls hatte so was nicht jeder in meinem Alter! Immerhin - aber nicht das, was ich mir so sehr gewünscht hatte - eine Gitarre.
Natürlich nahm die Bettumrandung – wahrscheinlich unter dem magischen Einfluss des Christbaums, von dem der damals 7jährige Bub noch heute überzeugt ist - dann doch noch rechtzeitig die Gestalt des ersehnten Instrumentes an.
Dass der jetzt 41jährige Berater dem 7jährigen Schüler seine unschreibbare Freude lassen konnte, nein kann, macht den Moment, in dem zwischen den anderen Geschenken eine Westerngitarre sichtbar wurde, zu einem Augenblick zeitlosen Glücks, aus dem beide bis heute Kraft schöpfen.
Norbert, 41, Organisationsberater und Supervisor
16. Dezember
Ich spürte, dass ich dabei war, über eine Schwelle zu gehen. Mein Körper war warm, insbesondere mein Bauch. Ich hatte einen Stift in der Hand und malte zuerst den Umriss meiner linken Hand auf die Mappe. Ich wollte mit der Hand schreiben, und die Hand sollte mein Zeichen sein.
Dann schrieb ich.
Ohne innezuhalten, ohne zu überlegen, den Schreibfluss mit allen Sinnen genießend. Ein paar Zentimeter unter meinem Nabel machte sich ein Freudenpunkt bemerkbar. Während ich schrieb, ließ ich meinen Atem tief hinunter sinken, bis zu diesem Punkt, von dem sich ein Gefühl von Glück und Lust über meinen ganzen Körper ausbreitete. Und darüber hinaus.
astrid, 41 jahre jung, literaturwissenschaftlerin / autorin
17. Dezember
Am vorletzten Freitag im November hab ich mir im Walkman die brandneue U2-CD angehört (die übrigens nicht wirklich gut ist).
Wollt eine rauchen. Jetzt haben wir aber in der Wohnung sozusagen Rauchverbot, außer wenn Gäste da sind.
Bin raus auf den Balkon, hab den Walkman mitgenommen, Abend war's und ruhig da draußen. Hab mir eine Zigarette angeraucht.
Zufällig kam in dem Moment ein Lied auf der CD, das passte zur Stimmung um mich. Das Lied heißt "One Step Closer", nebenbei. Zufällig fiel eine Schneeflocke vom Himmel. Die erste, die ich diesen Winter gesehen hab.
Und ich stand da draußen am Balkon meiner neuen Wohnung. Und der erste Schnee fiel. Hab mich umgedreht, bei der Balkontür reingeschaut, meine Frau hat mich gesehen und mir ein Bussi zugeworfen.
Hab mich wieder umgedreht. Die Musik im Ohr. Stand da draußen am Balkon. Innenhof, in Graz. Hab Schneeflocken gesehen, die ersten im Jahr.
Ich hab geweint.
Es war so ein Moment, in dem ich gespürt habe: Es ist gut, so wie es ist.
Manfred, 27, freiberuflicher Grafik-Designer
Sommer 2004. Volleyball-Match. Auswärtsturnier in Haarlem/Amsterdam.
Obwohl es ein verregneter Sommer war, glaube ich, hat mein Körper selten so geglüht, wie in diesen sagenhaften zwei Minuten.
Mein Blick schweift zum Schiri ab. Wir führen 25:24, das wird knapp. Ausgerechnet ich auf der Serviceposition. Völlig k.o. von der stundenlangen Anstrengung. Der Ball kommt zu mir gerollt. Die übermotivierten Amis auf der Gegenseite, mein angespannter Trainer, der fast mehr zu "leiden" scheint als ich, rechts von mir. Das Publikum, die Mannschaft, die Gegner. "All eyez on me!" Gekreische von der Gegenüberseite. Wie nervös kann man eigentlich sein? "Dabei sein ist alles!", schießt es mir durch den Kopf... haha!
Ich dribble den Ball auf, um mir Zeit zu verschaffen, die ich aber nicht habe. Auf der Anzeigetafel rasen die letzten hundertstel Sekunden nur so dahin. Zeitlupe. Tief einatmen. Aufwerfen. Smash. Völlig perplex renne ich vor. Noch mehr Geschrei. Verwirrung von meiner Seite. Block am Netz. Rrrrrrrrrrrrrrrring.
Verschwitzte Körper, die sich an mich pressen, Gelächter, Gejubel, Seufzer. Alles gar nicht real für mich. Es dauert ein paar endlos lange Sekunden, bis auch ich begriffen habe, dass wir gesiegt haben. Unbeschreiblich dieses Gefühl. Völlig am Ende zu sein, sich nicht mehr bewegen zu können UND gesiegt zu haben.
Maira, 16, Schülerin
18. Dezember
Brrrrr, wie kalt und windig ist dieser November-Sonntag. Zeit ist’s, sich wieder gemütlich einzurichten, mal gründlich aufzuräumen und ein paar Dinge zu ordnen.
Dabei fällt mir ein schwarzes, in Leinen gebundenes Notizbuch in die Hände. Schon lange habe ich es nicht mehr durchgesehen. Beim Aufschlagen kollern mir lose eingelegte Blätter entgegen. Ich schmunzle: Was in früheren Zeiten ein Stapel Briefe war, mit einem rosa Bändchen umschlungen, sind jetzt auf bräunlichem Recyclingpapier ausgedruckte Mails, in einem ganz persönlichen „Schatz-Buch“ gesammelt.
Neugierig beginne ich zu lesen – vieles habe ich längst vergessen. Gefühle werden wieder wach. Da finde ich doch glatt noch ein paar Seiten meiner letzten unglücklichen Liebe, dabei war ich überzeugt, jede Erinnerung daran dem Feuer – oder zumindest dem Restmüll – übergeben zu haben.
Und hier, schöne Zeilen von meinem lieben Freund Robert an die „Herzogin der Wälder“.
Da, ein paar Seiten weiter ein Satz meiner Lieblingskollegin Gabi: „Bewahre die Sonnenstrahlen in deinem Herzen, die deine Umgebung so oft erhellen“...
Ohhhh, ein Brief meiner pubertierenden Tochter, zu der ich gerade so gar keinen Draht habe: „Du bist soooo lieb zu mir, obwohl ich manchmal echt nerven kann“. (Na so was, da dürfte ein Funken Selbsterkenntnis durchgeschlagen haben).
Viele witzig-sinnliche Briefe von Manfred – ach, das ist auch schon einige Zeit her und hinterlässt noch immer wunderschöne und tiefe Gefühle.
Ein paar liebe Karten von Männern, denen ich in meinem Herzen keinen Platz eingeräumt habe – warum eigentlich nicht?
Momentan erscheint mir alles leicht und schön – ein ganzes Buch voll Liebe! Ich könnte springen vor Glück. Was ich alles erleben und erfühlen durfte in den letzten paar Jahren!
Und hier noch ein Blatt mit Gedichten von Hans Kruppa. An einem bleibt mein Blick hängen:
Nutze den magischen Augenblick,
der dir die Tür öffnet
in ein Lebensgefühl,
das dich erfüllt und inspiriert
Annemarie, 44, Redakteurin
19. Dezember
Wien – eine Buchhandlung mit vielen Mängelexemplaren – ein >modernes Antiquariat<. Vom Begriff her ein Unding. Aber ich fühl mich wohl darin und finde mich öfter unversehens da drin.
Letzte Woche halte ich dort ein Taschenbuch in Händen. Ein Freund ist mit dabei.
1) Ich kann ihm das Buch zeigen und
2) so ein wenig angeben, was für tolle Bücher ich nicht kenn und
3) meine Freude kann ich auch sofort teilen.
4) Ich brauch ohnehin ein Geschenk und freunde mich schweren Herzens mit dem Gedanken an es weiterzuschenken.
5) Es bleibt eh im gleichen Haushalt und ich kanns lesen und
6) Wahrscheinlich landets ohnehin in „meinem“ Bücherregal
7) Wie ich das Buch in Händen halt denk ich an einen lieben Menschen, der´s mir empfohlen hat
8) An die Zeitschrift, wo die Rezension dazu zu finden war und die dazugehörige Redakteurin und den Layouter muss ich denken
9) Ein gutes Gefühl stellt sich ein und geht auch nicht gleich wieder weg
10) Der Buchhändler merkt meine Begeisterung
11) Ich zahl und hab noch genug Geld im Börsel
12) für einen Punsch gleich ums Eck
Irre, wie Glück kumuliert in einen Moment hinein.
Ach ja: http://www.perlentaucher.de/buch/5456.html
Josef , angehender Soziologe und Zuwenig-Leser trotz bald 38 Jahre
20. Dezember
Kennt ihr das? Es gibt Lieder, die einen einfach nicht loslassen. Lieder, die dich einen guten Teil des Lebens begleiten. Ich bin mir sicher, dass jedeR von Euch auf Anhieb ein, zwei Songs im Kopf hat, deren Melodie du liebst, wo es vielleicht nur ein zwei Textpassagen, einzelne Sätze sind, die dich in den Bann gezogen haben.
Aber am schönsten ist es, dann während eines Konzertes diese Songs live zu hören. Ich habe dann dieses warme Gefühl im Magen, dieses Kribbeln, diese Gänsehaut am Rücken und diesen unsichtbaren Druck, der meine Mundwinkel nach oben sausen lässt.
So passiert bei (eine kleine Auswahl) Cure „Boys don’t cry“, Nick Cave „Tupelo“ und letztens bei Die Sterne „Fickt das System“.
Andreas, 34, Sozialmanager
21. Dezember
Eines meiner schönsten Erlebnisse in diesem Jahr:
Am höchsten Punkt...
...des Indischen Ozeans. Nach fünf Tagen steilem Auf und Ab, durch Flüsse und über Pässe kam endlich der Tag des Höhepunkts. Um 4 Uhr früh raus aus den Federn in der kalten Hütte, rein in alle Kleidungsstücke, die wir mitgetragen hatten, die Stirnlampe rauf und dann 600 weitere Höhenmeter rauf auf den Piton de Neiges (3069 m). Auf dem schwarzen Lavaboden konnte man nichts sehen als die weißen Markierungen im Schein der Stirnlampe, und der klare Sternenhimmel wölbte sich
über uns. Weithin sichtbare Lichter markierten die Küstenorte der Insel La Reunion. Es wurde immer
kälter, je höher wir stiegen. Der gefrorene Boden knirschte unter unseren Tritten, und ich musste an Max Frisch denken, wenn er in "Homo Faber" sagt, dass die Minuten vor Sonnenaufgang die kältesten sind.
Endlich am Gipfel: Langsam beginnt die Sonne den Himmel, die Berge und das Meer in rosarotes, dann violettes und schließlich oranges Licht zu tauchen. Aus den schemenhaften Umrissen taucht eine Landschaft auf, die mir die Worte nimmt und das Herz öffnet. Ich stehe am höchsten Punkt, und rundherum fällt es steil ab bis zur nahen Küste. Sogar jetzt, wenn ich das schreibe, spüre ich wieder dieses Gefühl der Einheit mit allem, aber auch den Stolz, es geschafft zu haben.
Es hat sich gelohnt.
Karin, 48, Psychotherapeutin und Lehrerin
22. Dezember
Im Dunkeln blitzt schon Banales hell. Klingt verdammt philosophisch, ist aber so.
Zum Beispiel gestern Nacht: halb zwei Uhr früh, das Büro geleert, die letzten Muntermacher verdrückt (halbroher Hotdog und TWIX – aber reden wir nicht davon), das Wasser im Glas abgestanden, der Schreibtisch unter den Zetteln unauffindbar. Und vor der trüben Linse am verschmierten Monitor: ein halbfertiger Artikel.
Es ist wie Fegefeuer: Schreibblockade, Sinnsturm im Hirn, fast fertig – aber am Ende fehlt immer noch das dicke Ende. Was ja – wie alle wissen – das schwierigste ist. Langsam kriecht auch noch die übernächtigte Kälte in den Pullover, und der Möchtegern-Schlafschweiß dazu. Lieber heimgehen kuscheln? Sinnlos, am Morgen muss das Opus fertig sein.
Jetzt auch noch Unklarheit wegen zweier Telefonnummern. Welche ist richtig: die oder die? Da hilft nur probieren. Der Anrufbeantworter wird’s schon richten.
Doch – oops: Da ist ja wer. Da kämpft auch jemand gegen seine Synapsen. Da klingt es genauso müde und mürbe vom Hörer zurück.
"Ja unglaublich: Sie sind noch im Büro?", stammle ich.
"Ja, das ist eben so, wenn man das Büro neben dem Schlafzimmer hat."
"Was machen Sie denn noch, um Gottes Willen?"
"Ich plage mich durch drei Gesetzestexte. Und Sie?"
"Ich wollte eigentlich nur die Telefonnummer ausprobieren. Sie ist offenbar richtig. Gute Nacht – und tun Sie nicht mehr zu lange…"
Das war fein. Das war richtig nett. Ganz Wien schnarcht vor sich hin – und die zwei Traumtänzer, die sich das selbst vermurkst haben, finden sich…
Doris, 30, Journalistin
23. Dezember
Es beginnt mit dem Einkauf beim Inder am Naschmarkt. Gerichte, Gerüche, Farben und eine Ahnung von diesem einzigartigen Geschmack. Am allerliebsten koche ich Thomi mahaar dhal, ein Gericht aus diesen wunderbaren weißen Linsen, die es nur in Indien gibt. Das braucht Zeit – und es lohnt jede Minute davon.
Zuerst wird eine Tasse der Linsen gut gewaschen und mit zwei Tassen Wasser - gewürzt (und gefärbt) mit ein bisschen Salz und Kurkuma (oder Gelbwurz, wie es auch heißt) - dreißig Minuten lang geköchelt. Dann wird der Topf halb zugedeckt und die Linsen dürfen noch eine Viertelstunde weiter köcheln, eventuell mit ein bisschen zusätzlichem Wasser, sie sollen nicht trocken werden.
Schließlich noch einmal 15 Minuten mit ganz zugedecktem Topf.
Währendessen schneide ich eine Zwiebel und mindestens drei, wenn nicht vier Knoblauchzehen, gebe drei Dosentomaten in den Mixer, lasse Zwiebel und Knoblauch rösten, bis sie eine wunderbar goldene Farbe haben, rühr den Tomatenbrei dazu und würze mit frischem Ingwer, ein wenig grünen Chilis – je nach Lust und Laune auf Schärfe – ein bisschen Garam Masala und Asafoetida.
Den frischen Koriander lasse ich weg, weil ich - bei aller Liebe zur indischen Küche - finde, dass er nach Seife schmeckt.
Zuletzt wird das Dhal (das sind die Linsen) aus dem Topf in eine Pfanne gegeben, ein bisschen angebraten und dann mit der Tomatensauce serviert.
Das ist wirkliches „comfort food“ wie die Engländerinnen sagen würden. Beim Kochen, beim Riechen, bei Essen wird dir unweigerlich wohlig warm. Zuerst in der Nase, dann in den Händen, schließlich im Bauch - und überall.
Michaela, 37, Theologin und PR-Beraterin
24. Dezember
Wieder einer dieser unnötigen Arbeitsaufträge, dachte ich. Ins Kardinal König Haus schickte mich mein Chef, wo Ordensleute aus ganz Österreich zum Thema „Lebensquelle Liturgie“ tagten: „Berichten Sie darüber, irgendwas. Die Kathpress muss dort präsent sein.“ (Bei derart „brisanten“ Storys heißt es bei uns in der Redaktion meist ironisch: „Ruf schon mal den Kindermann an, damit er die Titelseite in der ‚Krone’ freihält…“) Ich erwartete also nichts, was journalistisch etwas abwerfen würde, zumal ich nur noch zum letzten Tagungspunkt, dem abschließenden Gottesdienst, zurechtkam.
Lustlos setzte ich mich in die Konzilsgedächtniskirche, einen großen Kirchenraum mit dem Charme einer Tiefgarage. Rund um mich etwa 300 Frauen und Männer in ihrer Ordenstracht, bis auf einige musizierende Klosterschüler fast alle jenseits der 50.
Die Liturgie begann. Alle hatten ein Heftchen mit Liednoten und -texten vor sich. Ich gestehe, ich bin kein großer Fan von Messen. Meist langweile ich mich, finde die liturgische Sprache angestaubt, die Musik betulich oder eben nicht die meine. Und dieses Aufstehen und wieder Setzen und noch immer nicht genau wissen, wann was.
Nach wenigen Minuten wurde ich ruhig. Der Stress des Tages (ich hatte schon eine Pressekonferenz und einige Kurzberichte hinter mir) fiel von mir ab, jetzt schätzte ich den altbekannten Ablauf und registrierte die achtsame Gottesdienstgestaltung.
Dann sang der Ordensschüler-Chor das Kyrie. „Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich“, tönte es in hübschen Harmonien. Nicht nur wegen meiner sechs Dioptrien fühlte ich mich betroffen. „Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich.“
Jetzt passierte etwas: Ich wusste mich mit einem Mal unmittelbar gemeint, in meinem Innersten berührt. „Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich. Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme dich.“ Es war, als sängen sie für mich. Und ich fühlte mich nicht ertappt in meiner Bedürftigkeit, nicht erniedrigt durch die Bitte um Erbarmen, sondern mit einem Mal, völlig unerwartet, grund-los, unendlich getragen, beheimatet und geliebt.
Nach der letzten Strophe hatte ich Tränen in den Augen, vor Glück, vor Rührung und Dankbarkeit, dass so was passieren kann, mitten im Alltag, allen Umständen zum Trotz…
Robert, 45, Redakteur
Nach dem letzten Glücksmoment in diesem elektronischen Adventkalender möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Noch in der ersten Dezemberwoche hat es nicht danach ausgesehen, als könnte ich jeden Tag mit einer Geschichte füllen. Doch dann trudelten doch genug Beiträge ein und es entstand – wie erhofft – eine Perlenreihe mit ganz unterschiedlichen Facetten dessen, was das Leben lebenswert macht. Es war schön, dabei zu sein beim Aufstieg auf einen 3.000er im Indischen Ozean oder beim Crowd-Surfen während eines Konzerts, beim nachhaltigen Flirt in der U-Bahn oder beim Blickkontakt in der Autoschlange…
DANKE an alle, die sich trotz Vorweihnachtsstress die Mühe gemacht haben, sich hinzusetzen und zu formulieren.
An sie und an alle anderen AdressatInnen dieser Reihe (to continue!) richte ich jetzt noch die besten Wünsche für ein fried- und freudvolles Weihnachtsfest und ein glücksmomentgesegnetes Jahr 2005!
„Und – hast du für heuer schon eine Idee?“
Fragen wie diese zeigen mir, dass meine in den letzten beiden Jahren per Mail verbreiteten „virtuellen Adventkalender“ nicht nur für mich zu einer lieb gewonnenen Tradition geworden sind. Du erinnerst dich: Im Dezember 2002 versandte ich jeden Tag einen bemerkenswerten Bucheinstieg; im Vorjahr ging es mir um gute „letzte Sätze“ – also darum, mit welchen Worten AutorInnen ihre Bücher beenden. Mir hat es Spaß gemacht, allmorgendlich einen Adventgruß an mir liebe Menschen zu richten, und fast alle AdressatInnen haben es genossen, jeden Tag was Lustiges/Nachdenkliches/Originelles in ihrer Mailbox vorzufinden.
Das soll auch heuer wieder so sein.
Doch ich brauch diesmal deine Hilfe.
Ich stelle mir vor, „geglückte Momente“ zu sammeln. Und zwar „leichte“, nicht schicksalsschwere, von tiefsten Gefühlen triefende Begebenheiten – nein, „sparkling short stories“ sollen es sein. Augenblicke, die das Leben lebenswert machen. Kleine, nachvollziehbare Erfahrungen und Eindrücke, die auf das Besondere statt auf das Allgemeine abzielen, die konkret und anschaulich zu schildern sind.
Und genau darum bitte ich dich: Dir einen solchen geglückten Moment zu vergegenwärtigen, auf einer Länge von 5 bis 15 Zeilen niederzuschreiben und bis zum ersten Adventsonntag, dem 28. November, an mich zu mailen.
Am Ende des Kurztextes sollte dein Name stehen, dein Alter und dein Beruf – damit man/frau sich vorstellen kann, WER da was erlebt hat. Es macht ja einen Unterschied, wann und wie ein 8jähriger Schüler glücklich ist, und wie das bei einer 72jährigen Pensionistin aussieht. Ich reihe die Texte dann und schicke 24 Mails mit einem (oder auch zwei, denn aussortiert wird niemand) Glücksmoment/en an genau jene Leute, die diesen meinen Brief erhalten. Die meisten werden einander fremd sein, manche werden sich (er)kennen. Wie auch immer, es wird mit einem Lächeln zu lesen sein. Denke ich.
Es mag mit Mühe und Nachdenkarbeit verbunden sein, schwer in Worte zu Fassendes dennoch zu versprachlichen. Bitte nimm diese Anstrengung auf dich. Der Lohn wird eine Perlenkette voller aufbauender Erfahrungen sein, die gerade in der lichtarmen Zeit des Jahres gut tut…
Eine schöne Zeit bis zum Adventbeginn wünscht dir
Robert
PS: Wer die „Adventkalender“ der beiden letzten Jahr nicht bekommen hat und sie gern möchte, kriegt sie von mir als Einzeldatei.
PSPS: Wer seinen Namen lieber nicht preisgeben möchte, weil das bei einem Glücksmoment wie der gelungenen Flucht nach einem Banküberfall oder einem sexuellen Höhenflug peinlich wäre, kann ein Pseudonym wählen; ich schweige über die wahre Identität wie ein Grab. Versprochen.
Liebe FreundInnen,
das ist das erste in einer Reihe von 24 Mails für meinen dritten elektronischen Adventkalender. Bisher haben 18 Leute auf meine Bitte reagiert, als Beitrag dafür Glücksmomente schriftlich festzuhalten. Und manche haben noch Bereitschaft signalisiert, sich der Mühe des Formulierens zu unterziehen. Vielleicht fühlen sie sich ja motiviert durch die täglichen Zusendungen, dafür zu sorgen, dass die Serie nicht vor dem Heiligen Abend abreißt und ich improvisieren muss… Für die nächsten zweieinhalb Wochen hab ich jedenfalls viel schönen Lesestoff. DANKE allen dafür.
Und hier das erste Adventmail (übrigens das erste von allen, das ich bekommen hab), alle weiteren unkommentiert:
1. Dezember
Es gibt Glücksmomente in meinem Leben, die lassen sich zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter wiederholen, und das geht so:
Ich komme vom Michaelerplatz, durchquere den Inneren Burghof und trete auf den Heldenplatz hinaus. Nach einigen Schritten bleibe ich stehen und schaue mich um, und Begeisterung erfüllt mich angesichts der Fülle an Schönheit. Ich sehe - im Sonnenglanz oder von Regenwolken verhangen - die Hofburg, die beiden Museen, das Parlament, das Rathaus, das Burgtheater, die Minoritenkirche, dazu noch die Reiterstandbilder, blühende oder auch schneebedeckte Sträucher, alte Bäume, Rasenflächen, Menschen.
Andere Leute mögen darüber lächeln, aber bei mir stellt sich da jedes Mal wieder dieses Glücksgefühl ein: Hier, wo ich zur Welt gekommen bin, hier darf ich leben, hier in Wien!
Christa, 72, Pensionistin (Übersetzerin)
2. Dezember
Ich liege in meinem Zimmer und lese, als mein 12-jähriger jüngster Sohn mit seiner Decke zu mir kommt und sich neben mich legt, um zu plaudern und zu kuscheln.
Plötzlich setzt er sich auf und sieht mich mit einem eigenartigen Ausdruck im Gesicht an. Auf meine Frage, warum er mich so ansieht, wird er verlegen.
Dann sagt er: "Du schaust schon so alt aus."
Und plötzlich ist er ganz gerührt und birgt seinen Kopf in meiner Armbeuge. Ich sage zu ihm: " Na ja, mit 45 ist man auch nicht mehr jung. Machst du dir schon Sorgen?"
Darauf er: "Nein, jetzt noch nicht."
Anschließend haben wir darüber gesprochen, was nach dem Sterben wohl kommt.
Gaby, 45, Psychotherapeutin
3. Dezember
So ist das bei uns…
Eines schönen Sommerabends sitze ich im ältesten Cafe der Welt, im Cafe Nofara - gleich neben der prächtigen Ommayaden-Moschee in der historischen Altstadt in Damaskus. Ich trinke vorzüglichen arabischen Kaffee mit - sicher frisch gemahlenem - Kardamom. Glück.
Hier gibt es auch noch jede Woche den alten Geschichtenerzähler.
Neben mir zwei junge Syrer. Ich komme mit ihnen ins Gespräch. Sie stellen sich vor: Einer ist Zahnarzt, der andere ... vergessen. Dann sagen sie - stolz: "Wir haben aber nicht die gleiche Religion!" Sie ahnen, dass mich das überrascht. Einer ist Moslem, der andere Christ. Sie sind schon lange Freunde, die Religion ist kein Hindernis dafür: "So ist das bei uns ..."
Ich ändere meine "Voreinstellungen", denke noch an all das, was sich einige hundert Kilometer von hier - im Irak - abspielt. Ich unterhalte mich gut mit ihnen, trinke den letzten Schluck Kaffee sehr nachdenklich und verabschiede mich.
Ich habe in Damaskus nicht nur Arabisch gelernt.
Rudi, so um die 50, Computer-Layouter
4. Dezember
Der Hohe Riffler
Für mich als Tirolerin haben Berge naturgemäß eine besondere
Bedeutung. Der prägendste Berg war und ist für mich der Hohe Riffler.
Der höchste Berg der Verwallgruppe zwischen Stanzertal und Paznauntal
hat mich während meiner ganzen Kindheit und Jugend begleitet. Von
dem Schreibtisch in meinem Zimmer im Elternhaus sah ich direkt auf den
Riffler mit seinem weißen Gletscher.
Und auch in unserer jetzigen Wohnung haben wir ein Fenster extra so
geplant, dass wir gerade noch einen Blick auf den Riffler erhaschen.
Trotzdem hat es 33 Jahre gedauert, bis ich es geschafft habe, diesen
Berg zu besteigen.
Ein paar Jahre vorher hatten wir schon den halben Weg zurückgelegt und
mussten dann aber im dichten Schneetreiben umkehren. Ende August 2001
war es dann aber so weit: Mit einer Gruppe von Arbeitskolleginnen und
-kollegen wanderten wir zunächst auf die Edmund Graf Hütte. Nach einem
gemütlichen Hüttenabend stiegen wir am nächsten Tag bei wunderschönem Wetter auf den Gipfel. Das Panorama war überwältigend, die Sicht klar bis weit über Landeck
hinaus.
Jedes Mal, wenn ich jetzt zum Riffler hinaufschaue, freue ich mich
darüber, dass auch ich einmal dort oben war.
Isolde, 36 Jahre, Biologin
5. Dezember
Es war einer dieser Tage, an denen ich aus mir selbst heraus zufrieden und voller Lebensfreude war, ohne dass ich einen konkreten Grund dafür hätte nennen können. Schon auf der Treppe zum Bahnsteig hinauf half ich einer jungen Frau den Kinderwagen hochzutragen. Die U-Bahn war schon eingefahren und damit Sie in den niederen Einstieg des mittleren Waggons noch einsteigen konnte, lief bis zur Mitte des Zuges vor um ihr die Türe aufzuhalten... und bin auch selbst dort eingestiegen. Zum Glück! Da stand ich nun, ein wenig außer Atem, und ließ meinen Blick über die anderen Fahrgäste schweifen.
Meine Augen blieben an einem Mann hängen, der in einem Buch las. Braungebrannt, dunkle Haare, grau melierter Drei-Tage-Bart, heller Sommeranzug.... Er gefiel mir und ich ließ meinen Blick auf ihm ruhen. Die Energie meiner unbewussten Aufmerksamkeit hat ihn wohl berührt, er sah hoch und fing meinen Blick auf. Ich lächelte ein wenig verlegen - fühlte mich ertappt. Er aber erwiderte mein Lächeln gleich, ermunterte mich mit seinem Blick und nickte mir zu. Wir lächelten uns ungewöhnlich lange an. So lange ich es eben konnte, dann musste ich verlegen wieder wegsehen, wieder hinsehen... - bis er ein kleines Büchlein aus der Jackentasche zog und anfing etwas aufzuschreiben. Ich war mir ganz sicher: "Der schreibt mir jetzt seine Telefon-Nummer auf! Endlich ein Mann, der in einer einmaligen Situation ‚richtig’ reagiert!", dachte ich.
Kurz bevor er aussteigen musste, stand er auf, kam auf mich zu und sagte mit angenehm tiefer Stimme: "Sie haben ein wunderschönes Lächeln. Trauen Sie sich!" Dann gab er mir den Zettel, lächelte mich noch mal mit leuchtenden Augen an, und stieg aus. Er hatte mir seinen Namen und seine Telefon-Nummer aufgeschrieben!
Nun - ich habe mich getraut (!), und wir sind seit eineinhalb Jahren ein Paar…
Damaris, 41, Sozialarbeiterin
6. Dezember
Ich war an dem Tag noch Drittklässler. Wir (also die Drittklässler) gingen mit der vierten Klasse turnen. Wir spielten Völkerball. Unsere Mannschaften waren gemischt. Unsere Spieler wurden der Reihe nach abgeschossen. Als unser Freigeist besiegt war, war nur noch ich am Feld. Ich hatte 3mal Ausweicherfolg. Beim dritten Mal schoss der Freigeist den Ball auf mich zu. Der Ball rollte über das Feld bis zu unserem Freigeist. Der Reihe nach schossen wir uns frei. Dann kam der Freigeist der anderen ins Spielfeld. Der verlor nacheinander seine ganzen Leben. Wir hatten noch gewonnen!
Fabian, Schulkind, 8,3 Jahre
7. Dezember
„Feel the sunshine on your face...“ Immer wenn diese Passage aus dem Walkman ertönt ist, ist es mir kalt über den Rücken gelaufen, auch wenn es 30 Grad plus hatte. Jetzt liebe ich diese Musik schon so lange, habe Schwärmereien und Bilder-Ausschneiden des hübschen Sängers hinter mir; der Wandel vom luftig leichten Getüdel hin zum erwachsenen Tiefgrund fiel zeitlich ziemlich mit meiner persönlichen Entwicklung und Wandlung zusammen. Aber noch nie hat mich ein Lied so bewegt wie jenes, das im Frühling 2003 als erster Song auf dem Album "Think Tank"* veröffentlicht wurde. Wenn es das einzige Lied gibt, das Lied schlechthin, dann ist das Lied meines!
Die Stimmung, das Licht, die Aura am 9. November 2003 im Wiener Gasometer, als "feel the sunshine on your face, it's in a computer now, gone at the future way out in space. And you've been so busy lately that you haven't found the time, to open up your mind. And watch the world spinning gently out of time..." erklungen ist, hat für größeren Schauder gesorgt, als die Hand, die ich dort für Sekunden ergattern konnte – aber das wäre eine eigene Geschichte...
Martina, Soziologin, 27
*Der Song der britischen Rockgruppe Blur heißt „Out Of Time“; Text siehe http://www.lyricsfreak.com/b/blur/21090.html
8. Dezember
Für mich ist das Leben durch meine kleinen beiden Söhne und die Arbeit an einem Buch sehr intensiv, aber trotzdem gibt es unbeschreibliche - im wahrsten Sinne des Wortes - Momente, die mich innehalten lassen und mein Glück genießen lassen. So ein Moment war, als sich meine Söhne (bald 5 und 16 Monate) vor kurzem innig auf unserer Treppen küssten.
Ulrike, 44, Sprachwissenschaftlerin
9. Dezember
ich komme von einem seminar im waldviertel nach hause ... hungrig.
im wohnprojekteigenen beisl nach studium der speisekarte hab' ich gebratene eierschwammerln auf blattsalat bestellt.
nach einer weile kam das essen. ich sah viel blattsalat.
ich: wo sind die eierschwammerl???
beislwirt: öh...
ich: jetzt bin ich aber enttäuscht, ich hab mir so viele gebratene eierschwammerl erwartet, und jetzt hab ich so viel salat.
beislwirt: verschwindet.
ich beginne zu essen, stochere die schwammerln aus dem salat, bemühe mich zu genießen.
......
nach kurzer zeit steht ein kleiner teller mit einer extraportion duftender schwammerln neben mir.
ich (ganz gerührt): danke
beislwirt: soll aber nicht zur gewohnheit werden!
dankbar genieße ich nun wirklich.
beatrix, 46, shiatsu praktikerin und selbstheilungsberaterin
10. Dezember
Ich bin letzten Freitag müde im Auto von der Arbeit nach Hause wieder viel zu langsam weitergekommen – und schon dunkel, und November, und leichtes Nieseln und viel zu kalt und viel zu viele Menschen – genug, um grantig zu sein... Vor, hinter, neben mir Autos.
Neben mir ein rotes, im Vorbeifahren seh ich ein Kind, vermutlich ein Mädchen hinten sitzen, gelangweilt. Ein erster Blick, sie schaut auch. Dann geht’s bei mir wieder weiter, also neue Nachbarn. Kurz darauf zieht das rote Auto wieder auf gleiche Höhe, wieder ein Blick, ein Erkennen. Und so ging’s weiter, beim zweiten Mal schon mit einem Lächeln, und dann hatten wir beide Spaß am einander Wiedersehen, Verlieren und wieder Finden. Als sie dann endgültig links abbog, blieb das Lächeln in mir.
Marion, 46, Psychologin
11. Dezember
Bis heute habe ich jene SMS nicht gelöscht, die mir meine 19jährige Tochter am 4. Februar von Wien nach Kaprun geschickt hat, wo ich mit Freunden Schi fahren war.
Ich hatte seit allzu jugendlichen Tagen nicht über-, aber regelmäßig geraucht – abgesehen von den paar Jahren zwischen Schwangerschaft und Kindergartenalter meiner beiden Prachtstücke. So sehr ich den blauen Dunst auch von ihnen fernzuhalten trachtete (Rauchen unter der Dunstabzugshaube, auf der Terrasse, am Gang …), so vehement, vorwurfsvoll und angewidert waren ihre Missfallensäußerungen, derer sie nicht müde zu werden schienen. Ich quittierte diese meist mit der lakonischen Bemerkung, dass ich das Rauchen sicher eines Tages aufgeben würde.
Wie sehr meine Glaubwürdigkeit in dieser Hinsicht nach all den Jahren gelitten hatte, zeigte sich, als sie mir nach dem 4. November des Vorjahres, meinem ersten „Nichtraucher-Tag“, immer und immer wieder ihre Bewunderung über meine Stärke aussprachen. Das trübte meine Freude über ihre Anerkennung doch ein wenig und ich spielte die Entrüstete. Hatten sie mir das etwa nicht zugetraut? Also wirklich!
Der 4. Februar war – wie die übrigen Tage der Semesterferienwoche - sonnig und außergewöhnlich warm – selbst in der luftigen Höhe des Kitzsteinhorns. Nur die sternklare Nacht war kalt, als während eines Abendspazierganges mein Handy tönend diese SMS empfing: „Hallo Mutti! Alles Gute zum 3monatigen Nichtrauchen! Dickes Stolzseinbussi! Lena“
Nichts konnte die sonnige Wärme trüben, die in mir aufstieg und der nächtlichen Kälte trotzte.
Christine, 48, AHS-Lehrerin
12. Dezember
ich sitze in einem raum mit ca. 30 anderen leuten. den kopf auf die hände gestützt warte ich jetzt schon fast eine stunde dass mein name aufgerufen wird. ich muss an die schule denken. an der wand ein foto von thomas klestil, der vor ca. zwei monaten gestorben ist. bezeichnend für diese institution dass es noch immer hängt.
es ist mittlerweile schon 11 am vormittag, und ich bin seit 6 Uhr hier in klagenfurt. am vortag noch extra angereist, um nicht zu spät zu kommen. vier der letzten 5 stunden verbrachte ich mit warten. gespräche mit den ärzten. und immer wieder warten. zwei alte kickerkollegen sind auch da. hätte nicht gedacht, dass die dasselbe problem wie ich haben. wir sprechen nur kurz miteinander, denn die stimmung ist gedrückt, und jeder von uns macht ein gesicht, als müsste er in den nächsten minuten sterben. man könnte glauben, man ist auf einer intensivstation. einer meiner kumpels hat schwere herzrhythmusstörungen, beim anderen sind kreuz und knie kaputt und er hat alle allergien, die bis heute bekannt sind.
dann meint eine ärztin, ich muss in einem jahr wiederkommen. ich war fertig: "aber warum? ich war doch schon zweimal hier". – „Ja, aber der psychologe sagt, sie müssen wiederkommen.“ Ich entgegne, dass ich heute noch mit keinem psychologen gesprochen habe. sie kontrolliert ihre unterlagen und meint, da ist ein fehler passiert, sie hat irrtümlich die unterlagen vom letzten besuch verwendet. ich werde sofort zum psychologen geschickt. was wäre passiert, wenn ich nichts gesagt hätte?
"T. in zimmer 8 bitte". anspannung pur. ich spüre meinen herzschlag im hals. ich betrete den raum und ein mann um die 50 stellt mir einige kurze fragen. wie ich heiße, wann ich geboren bin usw... "aufgrund ihrer schwer wiegenden und seit mehreren jahren andauernden panikstörungen und phobien werden sie für den wehrdienst für untauglich erklärt..."
dann habe ich den bescheid in händen. endlich. ich fühle mich besser als bei meiner sponsion und nehme die urkunde wie einen pokal entgegen, verlasse das gebäude auf schnellstem weg, und schreie mir auf dem parkplatz meine freude aus dem leib. meine zwei kumpels haben es auch geschafft, und wir gehen noch einen trinken. das war einer der besten tage seit langem...
Tom, 29, Manager
13. Dezember
Ich hatte ein tolles Erlebnis, als ich diesen Sommer beim 'Two Days A Week'-Festival in Wiesen war. Spätabends, es spielten gerade die 'Kings of Leon' - eine großartige amerikanische Rockband - und ich war ziemlich weit vorne in der Menge. Die Stimmung war atemberaubend, und ich selbst gebadet in Schweiß und gefüllt mit Bier.
Das einzig nervige war, das man ständig aufpassen musste, nicht plötzlich einen Schuh im Gesicht zu haben. Denn überall wanderten 'Crowdsurfer' durch die Menge, also Leute, die sich auf den Armen der anderen nach vorne tragen ließen (oder wieder fallengelassen wurden). Doch ich kann ihnen nachträglich nicht böse sein - denn auch ich durfte ihre Erfahrungen teilen. Ich hörte ihn nur jemanden sagen: "Willst du auch mal?", und im selben Moment wurde ich gepackt und in die Lüfte gehoben. Obwohl nachher noch Franz Ferdinand, die beste Band auf dem Festival, spielten, waren diese 10 Sekunden, in denen ich über den Köpfen schwebte und von zig Armen bis hinter die vordere Absperrung zu den Securities gereicht wurde, die denkwürdigsten des Abends. Und ein Ereignis, das mich in der kalten Weihnachtszeit an das unbeschwerte Glück des Sommers zurückerinnert.
Gregor, 17, Schüler
14. Dezember
Glück, weiblich, 36: Zeit, Sonne, Ruhe
Wer hätte mit 20 gedacht, dass das Leben so sein wird:
Glück heißt schon, wenn der Sonntag mal frei ist, Zeit für einen Spaziergang, an einem kalten, sonnigen Nachmittag durch Schönbrunn hinauf zur Gloriette, und Kaffee mit einer Freundin.
Oder Leute nach Haus einladen, sie fühlen sich wohl und es schmeckt (wollte man nicht mal die Welt verändern?)
Oder durch die Stadt flanieren, ein Buchgeschäft, eine Boutique, was Schönes finden.
Am Morgen die Kinder im Bett und Zeit zum Spielen und Kuscheln.
Der Tag, nachdem die Arbeit glückte.
Einfach in der Kirche sitzen.
Der Mann guter Dinge.
Nora, 36, Journalistin
15. Dezember
„Eine Bettumrandung, Norbert“, antwortete meine Mutter endlich, nachdem ich sie wochenlang durch den Advent hindurch mit der Frage gequält hatte, was ich denn als größtes Weihnachtsgeschenk bekommen würde.
Was das genau war, verstand ich nicht, auch wenn sie es mir mehrmals zu erklären versuchte. Irgendwie klang es sehr teuer, jedenfalls hatte so was nicht jeder in meinem Alter! Immerhin - aber nicht das, was ich mir so sehr gewünscht hatte - eine Gitarre.
Natürlich nahm die Bettumrandung – wahrscheinlich unter dem magischen Einfluss des Christbaums, von dem der damals 7jährige Bub noch heute überzeugt ist - dann doch noch rechtzeitig die Gestalt des ersehnten Instrumentes an.
Dass der jetzt 41jährige Berater dem 7jährigen Schüler seine unschreibbare Freude lassen konnte, nein kann, macht den Moment, in dem zwischen den anderen Geschenken eine Westerngitarre sichtbar wurde, zu einem Augenblick zeitlosen Glücks, aus dem beide bis heute Kraft schöpfen.
Norbert, 41, Organisationsberater und Supervisor
16. Dezember
Ich spürte, dass ich dabei war, über eine Schwelle zu gehen. Mein Körper war warm, insbesondere mein Bauch. Ich hatte einen Stift in der Hand und malte zuerst den Umriss meiner linken Hand auf die Mappe. Ich wollte mit der Hand schreiben, und die Hand sollte mein Zeichen sein.
Dann schrieb ich.
Ohne innezuhalten, ohne zu überlegen, den Schreibfluss mit allen Sinnen genießend. Ein paar Zentimeter unter meinem Nabel machte sich ein Freudenpunkt bemerkbar. Während ich schrieb, ließ ich meinen Atem tief hinunter sinken, bis zu diesem Punkt, von dem sich ein Gefühl von Glück und Lust über meinen ganzen Körper ausbreitete. Und darüber hinaus.
astrid, 41 jahre jung, literaturwissenschaftlerin / autorin
17. Dezember
Am vorletzten Freitag im November hab ich mir im Walkman die brandneue U2-CD angehört (die übrigens nicht wirklich gut ist).
Wollt eine rauchen. Jetzt haben wir aber in der Wohnung sozusagen Rauchverbot, außer wenn Gäste da sind.
Bin raus auf den Balkon, hab den Walkman mitgenommen, Abend war's und ruhig da draußen. Hab mir eine Zigarette angeraucht.
Zufällig kam in dem Moment ein Lied auf der CD, das passte zur Stimmung um mich. Das Lied heißt "One Step Closer", nebenbei. Zufällig fiel eine Schneeflocke vom Himmel. Die erste, die ich diesen Winter gesehen hab.
Und ich stand da draußen am Balkon meiner neuen Wohnung. Und der erste Schnee fiel. Hab mich umgedreht, bei der Balkontür reingeschaut, meine Frau hat mich gesehen und mir ein Bussi zugeworfen.
Hab mich wieder umgedreht. Die Musik im Ohr. Stand da draußen am Balkon. Innenhof, in Graz. Hab Schneeflocken gesehen, die ersten im Jahr.
Ich hab geweint.
Es war so ein Moment, in dem ich gespürt habe: Es ist gut, so wie es ist.
Manfred, 27, freiberuflicher Grafik-Designer
Sommer 2004. Volleyball-Match. Auswärtsturnier in Haarlem/Amsterdam.
Obwohl es ein verregneter Sommer war, glaube ich, hat mein Körper selten so geglüht, wie in diesen sagenhaften zwei Minuten.
Mein Blick schweift zum Schiri ab. Wir führen 25:24, das wird knapp. Ausgerechnet ich auf der Serviceposition. Völlig k.o. von der stundenlangen Anstrengung. Der Ball kommt zu mir gerollt. Die übermotivierten Amis auf der Gegenseite, mein angespannter Trainer, der fast mehr zu "leiden" scheint als ich, rechts von mir. Das Publikum, die Mannschaft, die Gegner. "All eyez on me!" Gekreische von der Gegenüberseite. Wie nervös kann man eigentlich sein? "Dabei sein ist alles!", schießt es mir durch den Kopf... haha!
Ich dribble den Ball auf, um mir Zeit zu verschaffen, die ich aber nicht habe. Auf der Anzeigetafel rasen die letzten hundertstel Sekunden nur so dahin. Zeitlupe. Tief einatmen. Aufwerfen. Smash. Völlig perplex renne ich vor. Noch mehr Geschrei. Verwirrung von meiner Seite. Block am Netz. Rrrrrrrrrrrrrrrring.
Verschwitzte Körper, die sich an mich pressen, Gelächter, Gejubel, Seufzer. Alles gar nicht real für mich. Es dauert ein paar endlos lange Sekunden, bis auch ich begriffen habe, dass wir gesiegt haben. Unbeschreiblich dieses Gefühl. Völlig am Ende zu sein, sich nicht mehr bewegen zu können UND gesiegt zu haben.
Maira, 16, Schülerin
18. Dezember
Brrrrr, wie kalt und windig ist dieser November-Sonntag. Zeit ist’s, sich wieder gemütlich einzurichten, mal gründlich aufzuräumen und ein paar Dinge zu ordnen.
Dabei fällt mir ein schwarzes, in Leinen gebundenes Notizbuch in die Hände. Schon lange habe ich es nicht mehr durchgesehen. Beim Aufschlagen kollern mir lose eingelegte Blätter entgegen. Ich schmunzle: Was in früheren Zeiten ein Stapel Briefe war, mit einem rosa Bändchen umschlungen, sind jetzt auf bräunlichem Recyclingpapier ausgedruckte Mails, in einem ganz persönlichen „Schatz-Buch“ gesammelt.
Neugierig beginne ich zu lesen – vieles habe ich längst vergessen. Gefühle werden wieder wach. Da finde ich doch glatt noch ein paar Seiten meiner letzten unglücklichen Liebe, dabei war ich überzeugt, jede Erinnerung daran dem Feuer – oder zumindest dem Restmüll – übergeben zu haben.
Und hier, schöne Zeilen von meinem lieben Freund Robert an die „Herzogin der Wälder“.
Da, ein paar Seiten weiter ein Satz meiner Lieblingskollegin Gabi: „Bewahre die Sonnenstrahlen in deinem Herzen, die deine Umgebung so oft erhellen“...
Ohhhh, ein Brief meiner pubertierenden Tochter, zu der ich gerade so gar keinen Draht habe: „Du bist soooo lieb zu mir, obwohl ich manchmal echt nerven kann“. (Na so was, da dürfte ein Funken Selbsterkenntnis durchgeschlagen haben).
Viele witzig-sinnliche Briefe von Manfred – ach, das ist auch schon einige Zeit her und hinterlässt noch immer wunderschöne und tiefe Gefühle.
Ein paar liebe Karten von Männern, denen ich in meinem Herzen keinen Platz eingeräumt habe – warum eigentlich nicht?
Momentan erscheint mir alles leicht und schön – ein ganzes Buch voll Liebe! Ich könnte springen vor Glück. Was ich alles erleben und erfühlen durfte in den letzten paar Jahren!
Und hier noch ein Blatt mit Gedichten von Hans Kruppa. An einem bleibt mein Blick hängen:
Nutze den magischen Augenblick,
der dir die Tür öffnet
in ein Lebensgefühl,
das dich erfüllt und inspiriert
Annemarie, 44, Redakteurin
19. Dezember
Wien – eine Buchhandlung mit vielen Mängelexemplaren – ein >modernes Antiquariat<. Vom Begriff her ein Unding. Aber ich fühl mich wohl darin und finde mich öfter unversehens da drin.
Letzte Woche halte ich dort ein Taschenbuch in Händen. Ein Freund ist mit dabei.
1) Ich kann ihm das Buch zeigen und
2) so ein wenig angeben, was für tolle Bücher ich nicht kenn und
3) meine Freude kann ich auch sofort teilen.
4) Ich brauch ohnehin ein Geschenk und freunde mich schweren Herzens mit dem Gedanken an es weiterzuschenken.
5) Es bleibt eh im gleichen Haushalt und ich kanns lesen und
6) Wahrscheinlich landets ohnehin in „meinem“ Bücherregal
7) Wie ich das Buch in Händen halt denk ich an einen lieben Menschen, der´s mir empfohlen hat
8) An die Zeitschrift, wo die Rezension dazu zu finden war und die dazugehörige Redakteurin und den Layouter muss ich denken
9) Ein gutes Gefühl stellt sich ein und geht auch nicht gleich wieder weg
10) Der Buchhändler merkt meine Begeisterung
11) Ich zahl und hab noch genug Geld im Börsel
12) für einen Punsch gleich ums Eck
Irre, wie Glück kumuliert in einen Moment hinein.
Ach ja: http://www.perlentaucher.de/buch/5456.html
Josef , angehender Soziologe und Zuwenig-Leser trotz bald 38 Jahre
20. Dezember
Kennt ihr das? Es gibt Lieder, die einen einfach nicht loslassen. Lieder, die dich einen guten Teil des Lebens begleiten. Ich bin mir sicher, dass jedeR von Euch auf Anhieb ein, zwei Songs im Kopf hat, deren Melodie du liebst, wo es vielleicht nur ein zwei Textpassagen, einzelne Sätze sind, die dich in den Bann gezogen haben.
Aber am schönsten ist es, dann während eines Konzertes diese Songs live zu hören. Ich habe dann dieses warme Gefühl im Magen, dieses Kribbeln, diese Gänsehaut am Rücken und diesen unsichtbaren Druck, der meine Mundwinkel nach oben sausen lässt.
So passiert bei (eine kleine Auswahl) Cure „Boys don’t cry“, Nick Cave „Tupelo“ und letztens bei Die Sterne „Fickt das System“.
Andreas, 34, Sozialmanager
21. Dezember
Eines meiner schönsten Erlebnisse in diesem Jahr:
Am höchsten Punkt...
...des Indischen Ozeans. Nach fünf Tagen steilem Auf und Ab, durch Flüsse und über Pässe kam endlich der Tag des Höhepunkts. Um 4 Uhr früh raus aus den Federn in der kalten Hütte, rein in alle Kleidungsstücke, die wir mitgetragen hatten, die Stirnlampe rauf und dann 600 weitere Höhenmeter rauf auf den Piton de Neiges (3069 m). Auf dem schwarzen Lavaboden konnte man nichts sehen als die weißen Markierungen im Schein der Stirnlampe, und der klare Sternenhimmel wölbte sich
über uns. Weithin sichtbare Lichter markierten die Küstenorte der Insel La Reunion. Es wurde immer
kälter, je höher wir stiegen. Der gefrorene Boden knirschte unter unseren Tritten, und ich musste an Max Frisch denken, wenn er in "Homo Faber" sagt, dass die Minuten vor Sonnenaufgang die kältesten sind.
Endlich am Gipfel: Langsam beginnt die Sonne den Himmel, die Berge und das Meer in rosarotes, dann violettes und schließlich oranges Licht zu tauchen. Aus den schemenhaften Umrissen taucht eine Landschaft auf, die mir die Worte nimmt und das Herz öffnet. Ich stehe am höchsten Punkt, und rundherum fällt es steil ab bis zur nahen Küste. Sogar jetzt, wenn ich das schreibe, spüre ich wieder dieses Gefühl der Einheit mit allem, aber auch den Stolz, es geschafft zu haben.
Es hat sich gelohnt.
Karin, 48, Psychotherapeutin und Lehrerin
22. Dezember
Im Dunkeln blitzt schon Banales hell. Klingt verdammt philosophisch, ist aber so.
Zum Beispiel gestern Nacht: halb zwei Uhr früh, das Büro geleert, die letzten Muntermacher verdrückt (halbroher Hotdog und TWIX – aber reden wir nicht davon), das Wasser im Glas abgestanden, der Schreibtisch unter den Zetteln unauffindbar. Und vor der trüben Linse am verschmierten Monitor: ein halbfertiger Artikel.
Es ist wie Fegefeuer: Schreibblockade, Sinnsturm im Hirn, fast fertig – aber am Ende fehlt immer noch das dicke Ende. Was ja – wie alle wissen – das schwierigste ist. Langsam kriecht auch noch die übernächtigte Kälte in den Pullover, und der Möchtegern-Schlafschweiß dazu. Lieber heimgehen kuscheln? Sinnlos, am Morgen muss das Opus fertig sein.
Jetzt auch noch Unklarheit wegen zweier Telefonnummern. Welche ist richtig: die oder die? Da hilft nur probieren. Der Anrufbeantworter wird’s schon richten.
Doch – oops: Da ist ja wer. Da kämpft auch jemand gegen seine Synapsen. Da klingt es genauso müde und mürbe vom Hörer zurück.
"Ja unglaublich: Sie sind noch im Büro?", stammle ich.
"Ja, das ist eben so, wenn man das Büro neben dem Schlafzimmer hat."
"Was machen Sie denn noch, um Gottes Willen?"
"Ich plage mich durch drei Gesetzestexte. Und Sie?"
"Ich wollte eigentlich nur die Telefonnummer ausprobieren. Sie ist offenbar richtig. Gute Nacht – und tun Sie nicht mehr zu lange…"
Das war fein. Das war richtig nett. Ganz Wien schnarcht vor sich hin – und die zwei Traumtänzer, die sich das selbst vermurkst haben, finden sich…
Doris, 30, Journalistin
23. Dezember
Es beginnt mit dem Einkauf beim Inder am Naschmarkt. Gerichte, Gerüche, Farben und eine Ahnung von diesem einzigartigen Geschmack. Am allerliebsten koche ich Thomi mahaar dhal, ein Gericht aus diesen wunderbaren weißen Linsen, die es nur in Indien gibt. Das braucht Zeit – und es lohnt jede Minute davon.
Zuerst wird eine Tasse der Linsen gut gewaschen und mit zwei Tassen Wasser - gewürzt (und gefärbt) mit ein bisschen Salz und Kurkuma (oder Gelbwurz, wie es auch heißt) - dreißig Minuten lang geköchelt. Dann wird der Topf halb zugedeckt und die Linsen dürfen noch eine Viertelstunde weiter köcheln, eventuell mit ein bisschen zusätzlichem Wasser, sie sollen nicht trocken werden.
Schließlich noch einmal 15 Minuten mit ganz zugedecktem Topf.
Währendessen schneide ich eine Zwiebel und mindestens drei, wenn nicht vier Knoblauchzehen, gebe drei Dosentomaten in den Mixer, lasse Zwiebel und Knoblauch rösten, bis sie eine wunderbar goldene Farbe haben, rühr den Tomatenbrei dazu und würze mit frischem Ingwer, ein wenig grünen Chilis – je nach Lust und Laune auf Schärfe – ein bisschen Garam Masala und Asafoetida.
Den frischen Koriander lasse ich weg, weil ich - bei aller Liebe zur indischen Küche - finde, dass er nach Seife schmeckt.
Zuletzt wird das Dhal (das sind die Linsen) aus dem Topf in eine Pfanne gegeben, ein bisschen angebraten und dann mit der Tomatensauce serviert.
Das ist wirkliches „comfort food“ wie die Engländerinnen sagen würden. Beim Kochen, beim Riechen, bei Essen wird dir unweigerlich wohlig warm. Zuerst in der Nase, dann in den Händen, schließlich im Bauch - und überall.
Michaela, 37, Theologin und PR-Beraterin
24. Dezember
Wieder einer dieser unnötigen Arbeitsaufträge, dachte ich. Ins Kardinal König Haus schickte mich mein Chef, wo Ordensleute aus ganz Österreich zum Thema „Lebensquelle Liturgie“ tagten: „Berichten Sie darüber, irgendwas. Die Kathpress muss dort präsent sein.“ (Bei derart „brisanten“ Storys heißt es bei uns in der Redaktion meist ironisch: „Ruf schon mal den Kindermann an, damit er die Titelseite in der ‚Krone’ freihält…“) Ich erwartete also nichts, was journalistisch etwas abwerfen würde, zumal ich nur noch zum letzten Tagungspunkt, dem abschließenden Gottesdienst, zurechtkam.
Lustlos setzte ich mich in die Konzilsgedächtniskirche, einen großen Kirchenraum mit dem Charme einer Tiefgarage. Rund um mich etwa 300 Frauen und Männer in ihrer Ordenstracht, bis auf einige musizierende Klosterschüler fast alle jenseits der 50.
Die Liturgie begann. Alle hatten ein Heftchen mit Liednoten und -texten vor sich. Ich gestehe, ich bin kein großer Fan von Messen. Meist langweile ich mich, finde die liturgische Sprache angestaubt, die Musik betulich oder eben nicht die meine. Und dieses Aufstehen und wieder Setzen und noch immer nicht genau wissen, wann was.
Nach wenigen Minuten wurde ich ruhig. Der Stress des Tages (ich hatte schon eine Pressekonferenz und einige Kurzberichte hinter mir) fiel von mir ab, jetzt schätzte ich den altbekannten Ablauf und registrierte die achtsame Gottesdienstgestaltung.
Dann sang der Ordensschüler-Chor das Kyrie. „Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich“, tönte es in hübschen Harmonien. Nicht nur wegen meiner sechs Dioptrien fühlte ich mich betroffen. „Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich.“
Jetzt passierte etwas: Ich wusste mich mit einem Mal unmittelbar gemeint, in meinem Innersten berührt. „Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich. Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme dich.“ Es war, als sängen sie für mich. Und ich fühlte mich nicht ertappt in meiner Bedürftigkeit, nicht erniedrigt durch die Bitte um Erbarmen, sondern mit einem Mal, völlig unerwartet, grund-los, unendlich getragen, beheimatet und geliebt.
Nach der letzten Strophe hatte ich Tränen in den Augen, vor Glück, vor Rührung und Dankbarkeit, dass so was passieren kann, mitten im Alltag, allen Umständen zum Trotz…
Robert, 45, Redakteur
Nach dem letzten Glücksmoment in diesem elektronischen Adventkalender möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Noch in der ersten Dezemberwoche hat es nicht danach ausgesehen, als könnte ich jeden Tag mit einer Geschichte füllen. Doch dann trudelten doch genug Beiträge ein und es entstand – wie erhofft – eine Perlenreihe mit ganz unterschiedlichen Facetten dessen, was das Leben lebenswert macht. Es war schön, dabei zu sein beim Aufstieg auf einen 3.000er im Indischen Ozean oder beim Crowd-Surfen während eines Konzerts, beim nachhaltigen Flirt in der U-Bahn oder beim Blickkontakt in der Autoschlange…
DANKE an alle, die sich trotz Vorweihnachtsstress die Mühe gemacht haben, sich hinzusetzen und zu formulieren.
An sie und an alle anderen AdressatInnen dieser Reihe (to continue!) richte ich jetzt noch die besten Wünsche für ein fried- und freudvolles Weihnachtsfest und ein glücksmomentgesegnetes Jahr 2005!