Donnerstag, 1. November 2007
Adventmails 2002
Bucheinstiege...

1. Dezember:

Wenn einer in sein dreißigstes Jahr geht, wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich erkennen kann, wird unsicher; ihm ist, als stünde es ihm nicht mehr zu, sich für jung auszugeben. Und eines Morgens wacht er auf, an einem Tag, den er vergessen wird, und liegt plötzlich da, ohne sich erheben zu können, getroffen von harten Lichtstrahlen und entblößt jeder Waffe und jeden Muts für den neuen Tag.

(Ingeborg Bachmann; Das dreißigste Jahr)

2. Dezember:

Ziehende Landschaft

Man muss weggehen können
Und doch sein wie ein Baum;
Als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.

(Hilde Domin; Nur eine Rose als Stütze)

3. Dezember:

Bei einem Denker sollte man nicht fragen, welchen Standpunkt nimmt er ein, sondern: wie viele Standpunkte nimmt er ein? Mit anderen Worten: hat er einen geräumigen Denkapparat oder leidet er an Platzmangel, d.h. an einem „System“?

(Egon Friedell; Abschaffung des Genies)

4. Dezember:

Nachdenken, ihr nach-denken. Dem Versuch, man selbst zu sein. So steht es in ihren Tagebüchern, die uns geblieben sind, auf den losen Blättern der Manuskripte, die man aufgefunden hat, zwischen den Zeilen der Briefe, die ich kenne. Die mich gelehrt haben, dass ich meine Erinnerung an sie, Christa T., vergessen muss. Die Farbe der Erinnerung trügt.
So müssen wir sie verloren geben?
Denn ich fühle, sie schwindet. Auf ihrem Dorffriedhof liegt sie unter den beiden Sanddornsträuchern, tot neben Toten. Was hat sie da zu suchen? Ein Meter Erde über sich, dann der mecklenburgische Himmel, die Lerchenschreie im Frühjahr, Sommergewitter, Herbststürme, der Schnee. Sie schwindet. Kein Ohr mehr, Klagen zu hören, kein Auge, Tränen zu sehen, kein Mund, Vorwürfen zu erwidern. Klagen, Tränen, Vorwürfe bleiben nutzlos zurück. Endgültig abgewiesen, suchen wir Trost im Vergessen, das man Erinnerung nennt.

(Christa Wolf; Nachdenken über Christa T.)

5. Dezember:

Edek Zepler hatte früher immer polnische Mädchen gebumst. Die meisten von ihnen waren Dienstmädchen, und er hatte sie im Stehen in den Fluren der Häuser gebumst, in denen sie arbeiteten.
Esther Zepler hatte erst kürzlich davon erfahren. Sie saß in ihrem Büro und dachte über ihren Vater nach. Etwas feinfühliger wäre er ihr lieber gewesen.

(Lili Brett; Einfach so)

6. Dezember:

Als ich sechs Jahre alt war, sah ich einmal in einem Buch über den Urwald, das „Erlebte Geschichten“ hieß, ein prächtiges Bild. Es stellte eine Riesenschlange dar, wie sie ein Wildtier verschlang.“

(Antoine de Saint-Excupéry; Der kleine Prinz)

7. Dezember:

Als man mir vor langer Zeit den Vorschlag machte, meine Selbstbiographie zu schreiben, fiel mir sofort der Titel „Streitbares Leben“ ein. Zu meinem eigenen Erstaunen. Denn ich war ja längst dazu gelangt, alles Polemische zu verabscheuen; hatte erkannt, dass derjenige, der „ja“ zu einem Menschen oder einer Situation sagt, tausend Mal mehr von diesem Menschen, dieser Tatsache erfasst und weiß als jener, der „nein“ zu ihnen sagt. Obwohl ich also diesen Lehrsatz vom „Nicht-Befeinden“ mit mir herumtrug und auch zu praktizieren suchte, bin ich zum Polemiker geworden.

(Max Brod; Streitbares Leben)

8. Dezember:

Das schönste aller Lieder, von Salomo.
Komm doch und küss mich!
Deine Liebe berauscht mich mehr als der Wein.
Weithin verströmen deine kostbaren Salben herrlichen Duft.
Jedermann kennt dich, alle Mädchen im Land schwärmen für dich!
Komm, lass uns eilen, nimm mich mit dir nach Hause, fass meine Hand!

(Gute Nachricht Bibel; Das Hohelied)

9. Dezember:

Ich habe lange gezögert, ein Buch über die Frauen zu schreiben. Das Thema ist ärgerlich, besonders für die Frauen; außerdem ist es nicht neu. Im Streit um den Feminismus ist schon so viel Tinte geflossen, zur Zeit ist er fast beendet: reden wir nicht mehr davon. Man redet aber doch davon.“

(Simone de Beauvoir; Das andere Geschlecht)

10, Dezember:

John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte. Er hielt für die anderen die Schnur. Vom tiefsten Ast des Baumes reichte sie herüber bis in seine empor gestreckte Hand. Er hielt sie so gut wie der Baum, er senkte den Arm nicht vor dem Ende des Spiels. Als Schnurhalter war er geeignet wie kein anderes Kind in Spilsby oder gar in Lincolnshire.

(Sten Nadolny; Die Entdeckung der Langsamkeit)

11. Dezember:

Es war gegen elf Uhr morgens, Mitte Oktober, ein Tag ohne Sonne und mit klarer Sicht auf die Vorberge, was klatschkalten Regen verhieß. Ich trug meinen kobaltblauen Anzug mit dunkelblauem Hemd, Schlips und Brusttaschentuch, schwarze Sportschuhe und schwarze Wollsocken mit dunkelblauem Muster. Ich war scharf rasiert, sauber und nüchtern – egal nun, ob’s einer merkte. Ich war haargenau das Bild vom gut gekleideten Privatdetektiv. Ich wurde von vier Millionen Dollar erwartet.

(Raymond Chandler; Der große Schlaf)

12. Dezember:

Ilsebill salzte nach. Bevor gezeugt wurde, gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen, weil Oktober. Beim Essen noch, mit vollem Mund, sagte sie: „Wolln wir nun gleich ins Bett oder willst du mir vorher erzählen, wie unsere Geschichte wann wo begann?“

(Günter Grass; Der Butt)

13. Dezember:

Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen.

(J.D. Salinger; Der Fänger im Roggen)

14. Dezember:

Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: Die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta.
Sie war Lo, einfach Lo am Morgen, wenn sie vier Fuß zehn groß in einem Söckchen dastand. Sie war Lola in Hosen. Sie war Dolly in der Schule. Sie war Dolores auf amtlichen Formularen. In meinen Armen aber war sie immer Lolita.

(Vladimir Nabokov; Lolita)

15. Dezember:

Ein Orkan, das war ein Vogelschwarm hoch oben in der Nacht; ein weißer Schwarm, der rauschend näher kam und plötzlich nur noch die Krone einer ungeheuren Welle war, die auf das Schiff zusprang. Ein Orkan, der war das Schreien und das Weinen im Dunkel unter Deck und der saure Gestank des Erbrochenen. Das war ein Hund, der in den Sturzseen toll wurde und einem Matrosen die Sehnen zerriss. Über der Wunde schloss sich die Gischt. Ein Orkan, das war die Reise nach Tomi.

(Christoph Ransmayr; Die letzte Welt)

16. Dezember:

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor Augen.
„Was ist mit mir geschehen?“, dachte er.

(Franz Kafka; Die Verwandlung)

17. Dezember:

Sechsjähriger

Er durchbohrt Spielzeugsoldaten mit Stecknadeln. Er stößt sie ihnen in den Bauch, bis die Spitze aus dem Rücken tritt. Er stößt sie ihnen in den Rücken, bis die Spitze aus der Brust tritt.
Sie fallen.
„Und warum gerade diese?“
„Das sind doch die anderen.“

(Reiner Kunze; Die wunderbaren Jahre)

18. Dezember:

Die ewigen Top Five meiner unvergesslichen Trennungen für die einsame Insel in chronologischer Reihenfolge:
1. Alison Ashworth
2. Penny Hardwick
3. Jackie Allen
4. Charlie Nicholson
5. Sarah Kendrew
Das waren diejenigen, die wirklich weh getan haben. Findest du deinen Namen darunter, Laura? Ich schätze, du könntest dich unter die Top Ten mogeln, aber unter den Top Five ist kein Platz für dich; diese Plätze sind für Demütigungen und Herzschmerz eines Kalibers reserviert, die du mir gar nicht zufügen könntest.

(Nick Hornby; High Fidelity)

19. Dezember:

In diesem Buch sind die Lehren des Philosophen aufgeschrieben. Er war ein Sohn Davids und König in Jerusalem.
Völlig sinnlos ist alles, pflegte der Philosoph zu sagen, völlig sinnlos. Was auch geschieht, es hat alles keinen Sinn. Der Mensch müht und plagt sich sein Leben lang, und was hat er davon? Die Generationen kommen und gehen; und die Erde bleibt, wie sie ist. Die Sonne geht auf, sie geht unter, und dann wieder von vorn, immer dasselbe.

(Gute Nachricht Bibel; Das Buch Kohelet)

20. Dezember:

Ich wollte es nicht wissen, aber ich habe erfahren, dass eines der Mädchen, als es kein Mädchen mehr war, kurz nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise das Badezimmer betrat, sich vor den Spiegel stellte, die Bluse aufknöpfte, den Büstenhalter auszog und mit der Mündung der Pistole ihres eigenen Vaters, der sich mit einem Teil der Familie und drei Gästen im Esszimmer befand, ihr Herz suchte.

(Javier Marias; Mein Herz so weiß)

21. Dezember:

Wie soll ich ihn überhaupt nennen, damit es seine Frau niemals erfährt? Einen bretonischen Vornamen werde ich ihm auf jeden Fall geben, denn einen solchen hatte er ja. Aber es sollte ein Bardenname sein, der Name eines jener irischen Helden, deren Mut absurd war und die ihre Schlachten meistens verloren haben, nie aber ihre Seele.

(Benoite Groult; Salz auf unserer Haut)

22. Dezember:

Diese Erzählung wuchs und wuchs, während ich sie erzählte, bis sie zur Geschichte des Großen Ringkrieges wurde, in der immer wieder die noch ältere Geschichte flüchtig auftauchte. Ich hatte damit begonnen, kurz nachdem „Der Hobbit“ geschrieben und noch ehe das Buch 1937 erschienen war; aber dann fuhr ich mit der Erzählung nicht fort, denn zuerst wollte ich die Legenden und die Mythologie der Altvorderenzeit, die damals schon seit einigen Jahren Gestalt angenommen hatten, vervollständigen und ordnen. Das wollte ich gern zu meiner eigenen Freude tun, und ich hatte wenig Hoffnung, dass andere Leute sich für diese Arbeit interessieren würden, zumal sie in erster Linie sprachwissenschaftlich inspiriert war und ursprünglich darauf zielte, den notwendigen „geschichtlichen“ Hintergrund für die Elbensprachen zu schaffen.

(J.R.R. Tolkien; Der Herr der Ringe, Vorwort)

23. Dezember:

Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden. Er hieß Jean-Baptiste Grenouille und wenn sein Name im Gegensatz zu den Namen anderer Scheusale, wie etwa de Sades, Saint-Justs, Fouchés, Bonapartes usw., heute in Vergessenheit geraten ist, so sicher nicht deshalb, weil Grenouille diesen berühmteren Finstermännern an Selbstüberhebung, Menschenverachtung, Immoralität, kurz an Gottlosigkeit nachgestanden hätte, sondern weil sich sein Genie und sein einziger Ehrgeiz auf ein gebiet beschränkte, welches in der Geschichte keine Spuren hinterlässt: auf das flüchtige Reich der Gerüche.

(Patrick Süskind; Das Parfüm)

24. Dezember:

Ich bin dazu verdammt, mit der Erinnerung an einen Jungen mit einer entsetzlichen Stimme zu leben – nicht wegen seiner Stimme, auch nicht, weil er der kleinste Mensch war, der mir je begegnet ist, und nicht einmal, weil er das Werkzeug zum Tod meiner Mutter war, sondern weil er der Grund ist, warum ich an Gott glaube: wegen Owen Meany bin ich Christ geworden.

(John Irving; Owen Meany)