Donnerstag, 1. November 2007
Adventmails 2003
Liebe FreundInnen!

Im Vorjahr habe ich vom 1. bis 24. Dezember jeden Tag Bucheinstiege als "literarische Adventkästchen" versendet. Heuer geht es mir - als nunmehriger Single schon allein aus biographischen Gründen - weniger um Anfänge als vielmehr um die Frage, wie man ein gutes Ende findet. Ich werde euch somit ab heute 24 "famous last words" aus mehr oder weniger berühmten Werken der Weltliteratur schicken, also Schlusssätze aus Romanen, Dramen, Gedichtbänden u.a. Texten, die ich in meiner eigenen Bibliothek, aber auch z.B. in der Städtischen Bücherei am Gürtel (große Empfehlung für einen Besuch!) vorfand. Ich hoffe ihr habt damit heuer ähnlich viel Freude, wie viele von euch im Vorjahr in Feedbacks bekundeten.

Einen Advent mit Muße zum Lesen, Nachdenken und Herzerweitern wünscht euch
Robert

Und hier der Text zum 1. Dezember (ab morgen unkommentiert):
1. Dezember
Herr Lehmann stand da, verkehrsumtost, und fühlte sich leer. Er wollte nicht nach Hause, da erwartete ihn nichts außer ein paar Büchern und einem leeren Bett. Vielleicht sollte ich mir doch wieder einen Fernseher anschaffen, dachte er. Oder mal Urlaub machen. Mit Heidi nach Bali. Oder nach Polen. Oder was ganz anderes anfangen. Man könnte auch noch einen trinken, dachte er, irgendwo.
Ich gehe erst einmal los, dachte er. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.
(Sven Regener: Herr Lehmann)

2. Dezember
Ohne dieses einfache Vertrauen, dass uns nichts erreicht, was uns nichts angeht, und dass uns nichts verwandeln kann, wenn wir uns nicht verwandelt haben, wie könnte man über die Straße gehen, ohne in den Irrsinn zu wandeln? Natürlich lässt sich denken, dass wir unser mögliches Gesicht, unser mögliches Gehör nicht immer offen haben, will sagen, dass es noch manche Zufälle gäbe, die wir übersehen und überhören; aber wir erleben keine, die nicht zu uns gehören. Am Ende ist es immer das Fälligste, was uns zufällt.
(Max Frisch: Tagebücher 1946-1949)

3. Dezember
Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
(Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus)

4. Dezember
„Sch’ma Jisruel, kalt is ma in die Fiß, Sch’ma, die Fiß so kalt, oj is ma in die Fiß Israel. Sch’ma Jisruel, in die Fiß is ma soi koit in die Fiß adonai.“
Da denk ich mir, wann endlich warm werden die Füße, und der Kopf bleibt wunderbar kühl, kann passieren, dass kommt nicht der Messias, sondern ein schönes Gefühl.
(Robert Schindel: Gebürtig)

5. Dezember
Weder die Autorin noch der Verlag sind gegenüber Personen oder Gesellschaften für tatsächlichen oder angeblichen Verlust, Schaden, Verletzungen oder Leiden haftbar, die direkt oder indirekt durch die Informationen oder das Fehlen von Informationen in diesem Buch verursacht werden.
(Lou Paget: Der perfekte Liebhaber. Sextechniken, die sie verrückt machen)

6. Dezember
Sie hat ihn noch immer nicht berührt. Aber trotzdem hat er sie vom Kopf bis zu den Zehenspitzen gespürt, als hätte die Notapothekerin sich in eine Art Gänsehaut auf dem Brenner-Körper verwandelt. Aber er hat sich noch immer mit eiserner Disziplin gezwungen, die Augen nicht aufzumachen.
„Wenn du nicht aufpasst, nehm ich dir auch gleich dein Rachenzäpfchen weg“, hat die Notapothekerin aus ungefähr null Zentimeter Entfernung behauptet.
„Geh“, hat der Brenner mit geschlossenen Augen gelächelt.
Und dann hat die Notapothekerin nichts mehr gesagt.
Und dann hat sie sich auf ihn gestürzt. Hyäne nichts dagegen.
(Wolf Haas: Silentium)

7. Dezember
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis: Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan; Das Ewigweibliche
Zieht uns hinan.
(Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie zweiter Teil)

8. Dezember

Als Onkel Nolte dies vernommen,
War ihm sein Herze sehr beklommen.

Doch als er nun genug geklagt:
„Oh!“ sprach er – „Ich hab’s gleich gesagt.“

„Das Gute – dieser Satz steht fest –
Ist stets das Böse, was man läßt!“

„Ei ja! – da bin ich wirklich froh!
Denn, Dott sei Dank! Ich bin nicht so!“

(Wilhelm Busch: Die fromme Helene)

9. Dezember
Die Bösen sind nur eine Bande blöder dummer weißer Männer, und wir sind verdammt viel mehr als sie. Nutzt eure Macht.
Ihr habt etwas Besseres verdient.
(Michael Moore: Stupid White Men)

10. Dezember
„Gute Nacht, Nini.“
„Gute Nacht.“
Die Amme reckt sich in die Höhe und macht mit ihrer kleinen Hand, an deren Knochen die Haut gelb und faltig klebt, das Kreuzzeichen auf die Stirn des Greises. Sie geben sich einen Kuss. Es ist ein ungeschickter, kurzer, merkwürdiger Kuss: Wenn ihn jemand sähe, müsste er lächeln. Aber wie jeder Kuss ist auch dieser eine Antwort, eine unbeholfene, zärtliche Frage auf eine Frage, die nicht in Worte zu fassen ist.
(Sandor Marai: Die Glut)

11. Dezember
Bei all dem muss sich Bildung als Kommunikation bewähren. Sie darf sie nicht erschweren, sondern muss sie bereichern. Sie darf deshalb nicht als bedrückende Norm, als unangenehme Aufgabe, als eine Form der Konkurrenz oder gar als gespreizte Selbstbeweihräucherung daherkommen. Sie darf überhaupt nicht separat als „Bildung“ in Erscheinung treten oder gar zum Thema werden; vielmehr ist sie der Stil der Kommunikation, durch die Verständigung zwischen Menschen zum Genuss wird. Kurzum: Sie ist die Form, in der Geist, Fleisch und Kultur zur Person werden und sich im Spiegel der anderen reflektiert.
(Dietrich Schwanitz: Bildung. Alles, was man wissen muss)

12. Dezember
Und doch, als er gestorben war, als sie ihm ihre Lippen auf die Stirn gedrückt hatte und mit Denise und Gary in die warme Frühlingsnacht hinausging, da spürte sie, dass es nun nichts mehr gab, was ihre Hoffnung zunichte machen konnte, nichts. Sie war fünfundsiebzig Jahre alt, und sie würde einiges in ihrem Leben ändern.
(Jonathan Franzen: Die Korrekturen)

13. Dezember
Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.
(Das Evangelium nach Matthäus)

14. Dezember
Den Rest seiner Zeit verwendete er auf eine Reihe von Gewohnheiten, die ihn erfolgreich davor bewahrten, unglücklich zu sein. Bisweilen, an windigen Tagen, ging er zum See hinunter und schaute stundenlang hinaus, denn es schien ihm, als zeichne sich auf dem Wasser das unerklärliche, schwerelose Schauspiel dessen ab, was sein Leben gewesen war.
(Alessandro Baricco: Seide)

15. Dezember
In unseren besten Augenblicken, wenn vor lauter Gelingen auch das energischste Tun in Lassen aufgeht und die Rhythmik des Lebendigen spontan uns trägt, kann sich der Mut plötzlich melden wie eine euphorische Klarheit oder ein wunderbar in sich gelassener Ernst. Er weckt in uns die Gegenwart. In ihr steigt die Wachheit mit einem Mal auf die Höhe des Seins. Kühl und hell betritt jeder Augenblick deinen Raum; du bist von seiner Helle, seiner Kühle, seinem Jubel nicht verschieden. Schlechte Erfahrungen weichen zurück vor den neuen Gelegenheiten. Keine Geschichte macht dich alt. Die Lieblosigkeiten von gestern zwingen zu nichts. Im Licht solcher Geistesgegenwart ist der Bann der Wiederholungen gebrochen. Jede bewusste Sekunde tilgt das hoffnungslose Gewesene und wird zur ersten einer Anderen Geschichte.
(Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft)

16. Dezember
Das Schlimmste, was einem Menschen, glaube ich, passieren kann, ist, wenn er sich von seinen drei Kindern trennt. Das ist ganz schlimm.
(Dieter Bohlen: Hinter den Kulissen)

17. Dezember
Zusammen mit dem Gefühl, wirklich erfüllt gelebt zu haben, sind Erinnerungen die einzigen wahren Geschenke, die wir unseren Kindern hinterlassen können.
(Elisabeth Kübler-Ross: Was können wir noch tun? Antworten auf Fragen nach Sterben und Tod)

18. Dezember
In diesem Augenblick kommen mir so viele fundamentale Gedanken, so viele wahrhaft metaphysischen Dinge möchte ich mitteilen, dass ich auf einmal müde werde und die Entscheidung fälle, nicht weiter zu schreiben, nicht weiter zu denken, sondern geschehen zu lassen, dass mir das Ausdrucksfieber Schlaf schenkt und ich mit geschlossenen Augen all das, was ich gesagt haben könnte, wie eine Katze streichle.
(Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe)

19. Dezember
Die Wahrheit ist sehr einfach. Sie braucht kein Training, keine Übung, keine Probe. Du bist einfach, was du bist. Akzeptiere es und zeige es vor der Welt.
(Osho: Heilung)

20. Dezember
Christa T. wird zurückbleiben.
Einmal wird man wissen wollen, wer sie war, wen man da vergisst. Wird sie sehen wollen, das verstände sie wohl. Wird sich fragen, ob denn da wirklich jene andere Gestalt noch gewesen ist, auf der die Trauer hartnäckig besteht. Wird sie, also, hervorzubringen haben, einmal. Dass die Zweifel verstummen und man sie sieht.
Wann, wenn nicht jetzt?
(Christa Wolf: Nachdenken über Christa T.)

21. Dezember
And in the end, the love you take,
Is equal to the love you make.
(Beatles: Abbey Road)

22. Dezember
Estragon: Also, wir gehen?
Wladimir: Zieh deine Hose rauf.
Estragon: Wie bitte?
Wladimir: Zieh deine Hose rauf.
Estragon: Meine Hose ausziehen?
Wladimir: Zieh deine Hose herauf.
Estragon: Ach ja.
(Er zieht seine Hose herauf. Schweigen)
Wladimir: Also? Wir gehen?
Estragon: Gehen wir!
(Sie gehen nicht von der Stelle)
(Samuel Beckett: Warten auf Godot)

23. Dezember
Ich war plötzlich so verflucht glücklich, weil Phoebe immer im Kreis herum fuhr. Ich hätte beinah geheult, so verflucht glücklich war ich, falls das jemand interessiert. Ich weiß nicht warum. Einfach weil sie so verdammt nett aussah, während sie dort herumfuhr – in ihrem blauen Mantel und allem. Großer Gott, so was muss man gesehen haben.
(J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen)

24. Dezember
Und seine Schbäze haum si d Schuach gschmiad und haum iwaroe gschüdad, wia des ois is und woa und sei wiad, und da Heagod hod eana ghoefm dabei, indem das a mid ole meglichn Deita fa da Hää owa zaagd hod, das des woa is, wos s dazöön.
(Wolfgang Teuschl: Da Jesus und seine Hawara)