Montag, 30. Juni 2008
"Herzausreißer"
"Herzausreißer". Karin Berger, Ö 2008. ***1/2

Eine Doku über das Wienerlied anschauen, noch dazu im Kino, also für Geld?!? Das sei fern von mir, hätte ich wohl noch vor zehn Jahren betont. Raunzerischer Kitsch und larmayante Heurigenseligkeit - das waren meine Assoziationen, dazu eine generelle Skepsis gegenüber allen heimischen Profeten (ich hatte nie eine "Es lebe der Zentralfriedhof"-Phase, sogar Danzer hab ich nie sonderlich beachtet und Attwenger nur von sehr fern gemocht).

Doch mit zunehmendem Alter wird man (also: ich) milder, und manchmal sogar offener für neues Altes: Die in Karin Bergers informativer, unterhaltsamer und musikalisch durchaus anregender Doku versammelten Interpreten zeitgenössischer Wiener Musik lohnen allemal die Hinterfragung bisheriger ästhetischer Scheuklappen. Das trinkfest-anarchische "Kollegium Kalksburg" hab ich ja immerhin schon als CD verschenkt, aber den Wiener Lokalgiganten Roland Neuwirth hab ich bisher ignoriert und von den urig-kritischen "Strottern" oder dem virtuosen Walther Soyka hatte ich bisher nichteinmal gehört. Und dabei viel versäumt.

Und hat Neuwirth nicht Recht, wenn er meint, überall in der Welt bedienen sich Musiker aus dem Fundus ihrer musikalischen Tradition. Nur hierzulande stellt man sich fast ins Out, wenn man auf die Nagl Mally, Hermann Leopoldi, Karl Hodina o.a. Bezug nimmt. Auch für mich Ex-Germanisten waren die musikalischen Verbeugungen vor Literaten wie Ernst Jandl und H.C. Artmann ein lustvolles Spiel mit österreichischer Identität, das gottlob nie ganz ohne Ironie auskommt.