Donnerstag, 24. April 2008
"Schmetterling und Taucherglocke"
"Schmetterling und Taucherglocke" (Le Scaphandre et le Papillon/The Diving Bell and the Butterfly). Julian Schnabel, Fr./USA 2007 ****1/2

"Schmetterling und Taucherglocke" ist eine Filmbiografie über einen französischen Journalisten, der sich nach einem Schlaganfall nur mehr mit den Bewegungen seines linken Auges verständigen kann. Das Drehbuch entstand nach dem autobiografischen Roman von Jean-Dominique Bauby, dessen Leben als Chefredakteur der Zeitschrift "Elle" sich drastisch änderte, als er im Jahr 1995 mit 43 Jahren einen Gehirnschlag erlitt: Bauby war plötzlich vollständig bewegungsunfähig und litt an dem seltenen „Locked-in-Syndrom“ - so wird ein in einem gelähmten Körper gefangener wacher Geist genannt.

Der zunächst Verzweifelte lernt im Spital, sich mit seiner Umgebung zu verständigen, indem er zu einer vorgesagten Buchstabenreihe mit dem Auge zwinkert. Im ersten Satz teilt er seiner Logopädin erst einmal mit, dass er sterben will. Dieser Wunsch wird vergehen, der Film wird, je länger er dauert, desto mehr zur Hymne auf das Leben. Erinnerung und Phantasie sind nicht gelähmt, so der Patient. Und er nützt diese Freiheit, um ein Buch zu diktieren.

Regisseur Julian Schnabel, ein berühmter Maler und Bildhauer, erzählt anfangs konsequent und oftmals humorvoll aus der Perspektive des gelähmten Bauby: Man sieht sein Spitalsumfeld, das Personal und seine Besucher schemenhaft verschleiert wie durch ein getrübtes Auge, mal grotesk verzerrt, mal matt konturlos, bis sich die buchstäblich lichten Momente häufen, weil derjenige, durch dessen Auge wir wahrnehmen, sich offenkundig an die eingeschränkten Verhältnisse gewöhnt. Das ergibt eine spannende Filmästhetik, die sich zu den schnellen Schnitten herkömmlicher Hollywood-Produktionen verhält wie ein liebevoll zubereitetes Festmahl zu Fastfood. Die "FAZ" beschrieb Schnabels Werk als "genau die Sorte Film, die das Kino als populäre Kunstform immer wieder am Leben hält".

Baubys Erinnerungen sind als (sicher lesenswertes) Buch ebenfalls unter dem Titel "Schmetterling und Taucherglocke" erschienen. Es wurde ein großer Erfolg, den der Autor aber nicht mehr miterlebte: Er starb nur zehn Tage nach dem Erscheinen im März 1997 an Herzversagen. In einem Interview schilderte der 56-jährige Julian Schnabel seinen persönlichen Zugang zum Thema: Er habe das Buch zum ersten Mal gelesen, "als mein Vater ans Bett gefesselt war; er hatte Krebs im Endstadium und konnte kaum mehr etwas alleine tun und auch kaum noch kommunizieren. Sein Geist war hellwach, aber sein Körper spielte nicht mehr mit". Baubys Geschichte habe ihm - so Schnabel - "mit ihrer Kraft und ihrer Positivität sehr geholfen, mit der Situation besser umzugehen".